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Philosophie Etappe 07 von 09

Argumente kritisieren

Vorbereitung auf die Doppelstunde · etwa 90 Minuten

So gehen Sie vor

Diese Etappe bearbeiten Sie vor der Doppelstunde zu Hause. Gehen Sie die fünf Schritte der Reihe nach durch. Sie müssen nicht alles in einem Zug schaffen. Ihre Antworten bleiben in diesem Browser gespeichert, und wenn Sie auf demselben Gerät zurückkommen, bringt Sie der Knopf »Weitermachen« zur nächsten offenen Aufgabe.

  1. 01Einstieg5 Min.

    Sie lesen die Ausgangsfrage und halten eine erste Antwort fest.

  2. 02Erklärung13 Min. Video

    Sie sehen das Video oder lesen die Lesefassung; eines von beiden genügt.

  3. 03Üben50 Min.

    Sie bearbeiten 10 Aufgaben, 9 davon mit sofortiger Rückmeldung.

  4. 04Ihre These15 Min.

    Sie erproben das neue Werkzeug an Ihrer eigenen These für »Change my Mind«.

  5. 05Rückblick5 Min.

    Sie prüfen Ihre erste Antwort, schätzen sich ein und schließen die Etappe ab.

Was Sie brauchen und wo Ihre Antworten landen

Sie brauchen ein iPad oder einen Computer und für das Video Kopfhörer. Ohne Kopfhörer nehmen Sie die Lesefassung; sie enthält dasselbe wie das Video.

Die meisten Aufgaben beantworten Sie direkt auf dieser Seite und bekommen sofort eine Rückmeldung. Aufgaben ohne Antwortfeld schreiben Sie ins Heft oder in Ihre Notiz-App und tippen danach hier auf »Erledigt«.

Die Arbeit an Ihrer These kommt in jeder Etappe auf ein eigenes Blatt. Sammeln Sie die Blätter in einer Mappe oder in einer Notiz »Change my Mind« in Ihrer Notiz-App; in der Werkstatt am Ende des Bandes brauchen Sie alle.

Ohne Anmeldung bleibt alles in diesem Browser. Mit Ihrem Schülerzugang gehören die Ergebnisse der Aufgaben mit Antwortfeld, der Abschluss, Ihre Selbsteinschätzung und Ihre Antwort im Rückblick zu Ihrem Bereich, auch auf einem anderen Gerät. Ihre erste Antwort, Ihre Notizen und die Haken bei Heftaufgaben bleiben immer in diesem Browser. Meldet sich hier später jemand mit einem anderen Code an, legt die Seite Ihren Stand beiseite, bis Sie sich wieder anmelden.

Und was passiert in der Doppelstunde?

Die Doppelstunde beginnt mit den Stolpersteinen der Klasse, also mit den Denkfehlern, die in den Aufgaben am häufigsten vorkamen. In diese Liste gehen nur Antworten ein, die über Ihren Schülerzugang bei mir ankommen. Am sichersten melden Sie sich an, bevor Sie üben; was Sie vorher in diesem Browser geübt haben, reicht die Seite bei der Anmeldung nach. Das gilt nicht auf einem Gerät, an dem vorher schon jemand anderes angemeldet war: Dort gehört der Stand im Browser dieser Person.

Danach vertiefen wir das Werkzeug am Material und arbeiten an den Thesen weiter. Wer die Etappe vorher nicht geschafft hat, holt sie in der Stillarbeit nach; die Lesefassung geht auch ohne Kopfhörer.

Erst selbst nachdenken

5 Minuten

Im Jahr 1950 zählen zwei britische Forscher unter 649 Männern mit Lungenkrebs genau zwei Nichtraucher. Sieben Jahre später greift der bedeutendste Statistiker seiner Zeit den Schluss aus dieser Zahl an, und sein Einwand trifft. Trotzdem stimmt die These, das weiß heute jeder. Wie kann beides wahr sein: dass die Kritik trifft und die These stimmt?

»Wenn Rauchen Lungenkrebs erzeugt, dann findet man unter den Erkrankten auffällig viele Raucher. Genau das findet man. Also erzeugt Rauchen Lungenkrebs.« · »Denselben Befund gäbe es auch, wenn eine ererbte Anlage beides bewirkte: die Lust am Rauchen und die Anfälligkeit für den Krebs.«

Der Streit um Rauchen und Lungenkrebs: Richard Doll und Austin Bradford Hill, British Medical Journal 1950 und 1954; dagegen Ronald A. Fisher, unter anderem »Cigarettes, Cancer, and Statistics«, 1958. Beide Stimmen sind hier sinngemäß verdichtet. Der erste Schluss ist der schnelle der Zeitungsleser, nicht der der Forscher

Bevor Sie weitergehen

Beantworten Sie die Frage zuerst für sich, bevor Sie Video oder Lesefassung öffnen. Ein oder zwei Sätze genügen. Schreiben Sie sie ins Feld darunter, dann zeige ich sie Ihnen im Rückblick wieder. Die Antwort darf falsch sein.

Das können Sie danach: Sie können ein Argument an der richtigen Stelle kritisieren, an einer Prämisse, am Übergang oder mit einem eigenen Gegenargument. Sie prüfen vorher, ob ein Einwand die Sache überhaupt trifft. Und Sie wissen, was ein Treffer beweist: Die Behauptung ist dann unbelegt, nicht widerlegt.

Weiter zu Schritt 2: Erklärung →

Das Werkzeug kennenlernen

Video 13 Minuten oder Lesefassung etwa 18 Minuten

So nutzen Sie die Erklärung

Video und Lesefassung erklären dasselbe, eines von beiden genügt. Das Video führt Sie Schritt für Schritt durch den Gedankengang. Die Lesefassung passt, wenn Sie lieber lesen, keine Kopfhörer haben oder während der Aufgaben etwas nachschlagen wollen.

Achten Sie darauf, wo die Erklärung auf die Ausgangsfrage zurückkommt, und vergleichen Sie das mit Ihrer ersten Antwort.

Video · 13:01 Min. Videotext zum Nachlesen

Lesefassung

Zwei von 649

Ich beginne mit einer Zahl. In den Jahren 1948 und 1949 gingen zwei britische Forscher, Richard Doll und Austin Bradford Hill, durch zwanzig Londoner Krankenhäuser und fragten Patienten mit Lungenkrebs, wie viel sie rauchten. Zum Vergleich fragten sie ebenso viele Patienten, die aus anderen Gründen im Krankenhaus lagen. Am Ende hatten sie 649 Männer mit Lungenkrebs befragt, und unter diesen 649 waren genau zwei, die nie geraucht hatten. In der Vergleichsgruppe waren es 27.

Wer nie geraucht hatte, je 649 befragte Männer

Männer mit Lungenkrebs2

Vergleichsgruppe27

hat nie gerauchthat geraucht

Jeder Punkt ist ein befragter Mann. Unter den Kranken sind die Nichtraucher kaum zu finden, in der Vergleichsgruppe sind es mehr als dreizehnmal so viele. Zahlen nach Doll und Hill, British Medical Journal 1950.

Die Zeitungen brauchten für die Erklärung keine Sekunde: Rauchen macht Lungenkrebs, was sonst. Wenn man diesen Schluss so aufschreibt, wie wir es seit der vierten Etappe tun, sieht er so aus:

Der Schluss der Zeitungen
  1. Wenn Rauchen Lungenkrebs erzeugt, dann findet man unter den Erkrankten auffällig viele Raucher.
  2. Man findet unter den Erkrankten auffällig viele Raucher.

Also erzeugt Rauchen Lungenkrebs.

Sieben Jahre später stand ein Mann auf und sagte, so einfach sei das nicht. Der Mann hieß Ronald Fisher, und er war nicht irgendwer. Fisher hatte die moderne Statistik mitbegründet; die Verfahren, mit denen Doll und Hill rechneten, stammten zum Teil von ihm. Er zeigte, dass der Schluss der Zeitungen eine Lücke hat, und er hatte damit recht.

Und nun kommt das Merkwürdige. Rauchen verursacht Lungenkrebs, das wissen wir heute so sicher wie wenig anderes in der Medizin. Fisher hatte also recht, und die Zeitungen hatten am Ende auch recht. Wie kann das sein? Wer diese Frage beantworten kann, kann etwas, das erstaunlich wenige Erwachsene können: ein Argument kritisieren, ohne dabei mehr zu behaupten, als er weiß.

Vier Menschen tragen den Streit, den ich Ihnen erzähle. Es lohnt sich, sie einmal gesehen zu haben, bevor sie sich widersprechen.

Gezeichnetes Porträt von Austin Bradford Hill, ein älterer Herr mit Brille

Austin Bradford Hill

1897–1991 · Statistiker, London

Führte mit Richard Doll die Krankenhausbefragung und die spätere Ärztestudie durch.

Zeichnung nach einem Foto der Wellcome Collection, CC BY 4.0

Joseph Berkson

1899–1982 · Statistiker, Mayo Clinic

Bezweifelte, dass man aus Krankenhauspatienten auf die ganze Bevölkerung schließen darf.

Gezeichnetes Porträt von Ronald A. Fisher, ein älterer Herr mit Bart und runder Brille

Ronald A. Fisher

1890–1962 · Statistiker und Genetiker

Griff das »Also« der Zeitungen an und schlug eine ererbte Anlage als andere Erklärung vor.

Zeichnung nach einem Foto von 1953, gemeinfrei

Jerome Cornfield

1912–1979 · Statistiker, National Cancer Institute

Prüfte 1959 mit fünf Kollegen Fishers Einwände und antwortete mit einem eigenen Argument.

Wo man ein Argument überhaupt treffen kann

Sehen Sie sich den Schluss der Zeitungen noch einmal an. Er besteht aus zwei Prämissen, einer Konklusion und dem »Also« dazwischen, das wir seit der fünften Etappe den Übergang nennen. Mehr ist da nicht, und deshalb gibt es auch nur drei Stellen, an denen Kritik etwas ausrichten kann. Am deutlichsten sieht man sie, wenn man das Argument als Brücke zeichnet: Die Prämissen sind die Pfeiler, der Übergang ist die Spannweite, und die Konklusion ist das andere Ufer.

Drei Stellen, an denen Kritik ansetzen kann

Prämisse 1 Prämisse 2 Übergang Anfang Konklusion 1 2 3 Gegenargument · eine Brücke zurück keine Stelle
  1. Der Schluss der Zeitungen als Brücke. Die beiden Prämissen sind die Pfeiler, das »Also« ist die Spannweite, die Konklusion das andere Ufer.
  2. Die erste Stelle ist ein Pfeiler. Man bestreitet eine Prämisse oder zeigt, dass sie nicht belegt ist.
  3. Die zweite Stelle ist die Spannweite. Man lässt die Prämissen stehen und zeigt, dass die Konklusion nicht zwingend aus ihnen folgt.
  4. Die dritte Stelle liegt außerhalb der Brücke. Man baut ein Gegenargument, eine eigene Brücke, die vom anderen Ufer zurückführt.
  5. Keine Stelle ist das Ufer selbst. Wer nur »Ihre These ist falsch« sagt, stellt eine zweite Behauptung neben die erste und trifft nichts.
Die Brücke begleitet den ganzen Band. Mit den Schaltflächen bauen Sie die drei Angriffe nacheinander auf.

Erstens kann man also eine Prämisse angreifen: Man bestreitet, dass eine der Stützen wahr ist, oder man zeigt, dass sie nicht belegt ist. Zweitens kann man den Übergang angreifen: Man lässt die Prämissen stehen und zeigt, dass die Konklusion aus ihnen nicht zwingend folgt. Drittens kann man das Argument in Ruhe lassen und stattdessen ein eigenes Argument gegen die Konklusion bauen. Das nennt man ein Gegenargument.

Auffällig ist, was in dieser Liste fehlt: die Konklusion selbst. Wer sagt »Ihre These ist falsch«, hat noch nichts angegriffen. Er hat nur eine zweite Behauptung neben die erste gestellt, und für Behauptungen gilt seit der ersten Etappe, dass man sie begründen muss. Der Satz »Ihre These ist falsch« ist also nicht das Ende einer Kritik, sondern höchstens ihr Anfang.

Ich will Ihnen die drei Angriffe nicht als Liste vorsetzen, sondern zeigen, wie sie sich anfühlen. Dafür ist der Fall so gut geeignet: Alle drei sind in den fünfziger Jahren tatsächlich geführt worden, von klugen Leuten, die es ernst meinten.

Der erste Angriff: die Zahlen selbst

Der erste Zweifel galt den Zahlen. Der amerikanische Statistiker Joseph Berkson wandte ein, dass Doll und Hill nur Menschen befragt hatten, die ohnehin im Krankenhaus lagen. Das ist keine Zufallsauswahl aus der Bevölkerung, und wer so auswählt, kann Zusammenhänge sehen, die es draußen gar nicht gibt. Vielleicht kommen Raucher aus ganz anderen Gründen häufiger ins Krankenhaus, und dann findet man sie dort eben auch häufiger, mit Lungenkrebs wie ohne.

Das ist ein Angriff auf die zweite Prämisse. Berkson bestreitet nicht, was aus ihr folgen würde. Er bestreitet, dass sie sauber belegt ist.

DenkpauseBerkson hat nicht bewiesen, dass die zweite Prämisse falsch ist. Hat er sie trotzdem getroffen?

Ja. Berkson muss nicht beweisen, dass die Prämisse falsch ist. Es genügt, wenn er mit Gründen zeigt, dass sie wackelt, denn eine wackelnde Stütze trägt nichts. Wer eine Prämisse anzweifelt, trägt nicht die Last, das Gegenteil zu beweisen. Er trägt nur die Last, seinen Zweifel zu begründen, und das ist viel weniger.

Ein bloßes »Das glaube ich nicht« wäre allerdings noch kein Angriff gewesen. Berkson sagte, warum die Auswahl verzerrt sein könnte. Ohne dieses Warum wäre sein Einwand ein Achselzucken geblieben.

Was tat die Forschung mit dem Einwand? Sie hat ihn nicht weggeredet, sondern ernst genommen, und zwar auf die einzig überzeugende Weise: Sie hat ihre Daten auf einem Weg beschafft, gegen den der Einwand nicht mehr verfängt.

Zwei Wege zu denselben Zahlen

1948 bis 1950

Die Krankenhausstudie

Befragt werden Patienten, die schon im Krankenhaus liegen: 649 Männer mit Lungenkrebs und 649 mit anderen Krankheiten.

Berksons Einwand greift: Wer im Krankenhaus liegt, ist keine Zufallsauswahl. Die Auswahl selbst könnte den Zusammenhang erzeugen.

ab 1951

Die Ärztestudie

Doll und Hill schreiben alle Ärzte Großbritanniens an. Rund vierzigtausend antworten, gesund, und geben an, wie viel sie rauchen. Dann warten die Forscher ab, wer erkrankt.

Berksons Einwand greift nicht mehr: Niemand wurde im Krankenhaus ausgesucht. Das Ergebnis von 1954 zeigt dasselbe Muster.

Der Einwand hat die Prämisse nicht zerstört, sondern verbessert: Nach der Ärztestudie war sie besser belegt als vorher.

Die Prämisse war nun belegt, und zwar besser als vorher. Behalten Sie diesen Ausgang im Kopf; ich komme darauf zurück.

Der zweite Angriff: das »Also«

Fisher setzte höher an. Er ließ die Zahlen gelten, ausdrücklich, und griff das »Also« an.

Das Werkzeug dafür kennen Sie aus der letzten Etappe. Die erste Prämisse ist eine Wenn-dann-Aussage: Wenn Rauchen Krebs erzeugt, dann findet man viele Raucher unter den Kranken. Die zweite Prämisse sagt, dass man viele Raucher unter den Kranken findet. Sie bejaht also den Nachsatz. Und wir wissen seit der sechsten Etappe, was ein bejahter Nachsatz wert ist: nichts Zwingendes. Von der Folge zurück auf die Ursache zu schließen, ist der erste Doppelgänger, die Bejahung des Nachsatzes. Es könnte ja andere Ursachen geben, die zum selben Befund führen.

Fisher begnügte sich nicht damit, das zu behaupten. Er nannte eine solche andere Ursache.

Fishers andere Möglichkeit

Rauchen Lungenkrebs verursacht ? ererbte Anlage macht das Rauchen angenehm macht anfällig für den Krebs Beide Bilder erklären denselben Befund.
  1. So lasen die Zeitungen den Befund: Rauchen verursacht Lungenkrebs, und deshalb findet man unter den Kranken so viele Raucher.
  2. Fishers Gegenbild: Eine ererbte Anlage macht das Rauchen angenehm und macht zugleich anfällig für den Krebs. Dann fände man unter den Kranken ebenfalls viele Raucher, auch wenn das Rauchen nichts verursacht.
  3. Beide Bilder passen zu denselben Zahlen. Also folgt die Konklusion der Zeitungen nicht zwingend aus ihren Prämissen, und das ist Fishers Treffer.
Rauchen und Krebs wären nach Fishers Bild Kinder derselben Mutter. Er musste nicht zeigen, dass es die Anlage gibt, nur dass sie möglich ist.

Achten Sie darauf, was Fisher hier leisten muss und was nicht. Er muss nicht zeigen, dass es diese Anlage wirklich gibt. Der Schluss der Zeitungen behauptet, aus den Prämissen folge die Konklusion zwingend. Um ein »zwingend« zu widerlegen, genügt eine einzige andere Möglichkeit, die mit den Prämissen verträglich ist. Fisher musste nur zeigen, dass seine Anlage möglich ist und den Befund erklären würde. Das ist der ganze Trick, und er ist vollkommen sauber.

Der dritte Angriff: ein eigenes Argument

Dann ging Fisher einen Schritt weiter, und dieser Schritt änderte die Spielregeln. Er suchte nach Belegen für seine Anlage. Aus Zwillingsstudien wusste man, dass eineiige Zwillinge einander im Rauchverhalten ähnlicher sind als zweieiige. Wenn das stimmt, ist die Lust am Rauchen zu einem Teil angeboren. Damit war die Anlage keine bloße Denkmöglichkeit mehr, sondern eine Erklärung mit eigenem Fundament.

In diesem Moment wurde aus dem Einwand ein Gegenargument. Fisher behauptete nun etwas: nicht mehr nur »es könnte auch anders sein«, sondern »es ist wahrscheinlich anders«. Und wer etwas behauptet, muss es begründen. Für den zweiten Angriff reichte die bloße Möglichkeit; für den dritten reicht sie nicht mehr. Ein Gegenargument ist ein Argument. Es hat eigene Prämissen und einen eigenen Übergang, und es muss dieselben drei Angriffe aushalten, die es austeilt.

Einwand

»Es könnte auch anders sein.«

Zeigt eine andere Möglichkeit, die mit den Prämissen verträglich ist. Trifft den Übergang. Muss nicht zeigen, dass die Möglichkeit wirklich besteht.

Gegenargument

»Es ist wahrscheinlich anders.«

Behauptet selbst etwas und schuldet dafür Gründe. Hat eigene Prämissen und einen eigenen Übergang und muss dieselbe Prüfung bestehen.

Genau das geschah. 1959 gingen Jerome Cornfield und fünf Kollegen Fishers Einwände einzeln durch, und ihr stärkster Punkt gegen die Anlage ist so einfach, dass man ihn in einem Atemzug sagen kann.

Cornfields Antwort, 1959, vereinfacht
  1. Wenn allein die Anlage den Krebs verursachte, dann änderte sich am Risiko nichts, wenn jemand aufhört zu rauchen, denn seine Anlage behält er.
  2. Das Risiko von Ex-Rauchern sinkt, je länger sie nicht mehr rauchen.

Also ist nicht allein die Anlage die Ursache.

Das ist ein Modus tollens, wie er im Buch steht, und er trifft die Anlage-Erklärung an einer Prämisse, die sie nicht entbehren kann. In der Brücke gesprochen: Fisher hatte eine Brücke zurück gebaut, und Cornfield hat einen ihrer Pfeiler weggeschlagen.

Was ein Treffer beweist

Jetzt zu der Frage, mit der ich angefangen habe. Fishers zweiter Angriff traf. Der Schluss der Zeitungen war wirklich ein Doppelgänger. Was war damit über die Behauptung bewiesen, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht?

Die Antwort lautet: nichts. Und ich meine das wörtlich. Ein Argument ist eine Stütze für eine Behauptung. Wenn die Stütze bricht, fällt die Stütze, nicht die Behauptung. Die Behauptung steht dann eben ohne Stütze da. Sie ist nicht widerlegt, sie ist unbelegt, und das ist ein Unterschied, an dem sich ganze Diskussionen entscheiden.

Es hilft, sich drei Zustände vorzustellen, in denen eine Behauptung sein kann. Sie kann begründet sein; dann hat sie ein Argument, das trägt. Sie kann unbelegt sein; dann hat sie kein tragendes Argument, könnte aber trotzdem wahr sein. Und sie kann widerlegt sein; dann gibt es ein tragendes Argument dagegen.

Wie weit ein Treffer eine Behauptung verschiebt

begründet unbelegt widerlegt Treffer an Prämisse oder Übergang so nicht Gegenargument oder Gegenbeispiel
  1. Eine Behauptung mit einem Argument, das trägt, ist begründet. So sahen die Zeitungen »Rauchen verursacht Lungenkrebs«.
  2. Fishers Treffer am Übergang nimmt der Behauptung ihre Stütze. Sie rutscht eine Stufe, von begründet nach unbelegt.
  3. Weiter kommt sie durch einen solchen Treffer nie. Wer schließt »Der Schluss trägt nicht, also ist die Behauptung falsch«, springt eine Stufe zu weit.
  4. Nach widerlegt bringt eine Behauptung nur ein Argument gegen sie: ein Gegenargument, das trägt, oder bei einer Allaussage ein Gegenbeispiel.
Ein Angriff auf Prämisse oder Übergang bewegt den Regler um genau eine Stufe.

Wer das vergisst, macht den Fehler, den ich in der fünften Etappe schon einmal als falsche Antwort in eine Übung gesteckt hatte: »Deine Begründung trägt nicht, also ist deine Behauptung falsch.« Der Fehler ist so verbreitet, weil er sich wie ein Sieg anfühlt. Man hat einen Treffer gelandet, und ein Treffer will gefeiert werden.

DenkpauseJemand liest 1957 Fishers Brief und schließt: »Der Schluss der Zeitungen ist ein Doppelgänger. Also ist Rauchen harmlos.« Was ist an diesem Schluss faul?

Er springt zwei Stufen, wo der Treffer nur eine erlaubt. Fisher hat gezeigt, dass die Behauptung der Zeitungen unbelegt war; er hat nicht gezeigt, dass sie falsch ist. Wer daraus »harmlos« macht, glaubt etwas Falsches, und zwar mit dem guten Gefühl, gerade besonders scharf gedacht zu haben. Die Geschichte des Falls zeigt, wie teuer diese Feier werden kann.

Ein Einwand ist ein Arbeitsauftrag

Zwei Dinge folgen daraus, eines für jede Seite. Wer eine unbelegte Behauptung weiter vertreten will, darf das, aber er muss sie neu begründen. »Unbelegt« ist kein Freibrief; die Begründungspflicht aus der ersten Etappe steht wieder offen. Und wer ein Argument getroffen hat, hat es nicht beerdigt. Argumente lassen sich reparieren, und zwar auf drei Weisen:

  1. Eine Prämisse nachbelegen

    So taten es Doll und Hill mit der Ärztestudie, als Berkson die Auswahl der Befragten anzweifelte.

  2. Den Übergang mit einer weiteren Prämisse schließen

    Wer andere Ursachen ausschließen kann, macht aus dem Doppelgänger wieder einen tragenden Schluss.

  3. Die Behauptung abschwächen, bis sie trägt

    »Rauchen erhöht das Risiko« lässt sich leichter stützen als »Rauchen ist die einzige Ursache«.

In der letzten Etappe hieß es, ein Verdacht sei ein Arbeitsauftrag. Für Einwände gilt dasselbe: Ein Einwand ist ein Arbeitsauftrag, und zwar für beide Seiten. So ist es auch ausgegangen. Auf Fishers Angriff antwortete die Forschung nicht beleidigt, sondern mit Arbeit.

Vom Befund zur Gewissheit, 1950 bis 1965

  1. 1950

    Doll und Hill veröffentlichen die Krankenhausbefragung: 2 von 649 Kranken hatten nie geraucht.

  2. 1951

    Die Ärztestudie beginnt. Rund vierzigtausend britische Ärzte geben an, wie viel sie rauchen.

  3. 1954

    Erste Ergebnisse der Ärztestudie: Wer mehr raucht, stirbt häufiger an Lungenkrebs.

  4. 1955

    Berkson bezweifelt, dass die Auswahl der Befragten den Schluss trägt.

  5. 1957

    Fisher greift den Schluss öffentlich an, ein Jahr später folgt seine Schrift »Cigarettes, Cancer, and Statistics« mit der Anlage-Erklärung.

  6. 1959

    Cornfield und fünf Kollegen prüfen alle Einwände und antworten mit eigenen Argumenten.

  7. 1962

    Fisher stirbt in Adelaide.

  8. 1964

    Der oberste Amtsarzt der Vereinigten Staaten erklärt: Rauchen verursacht Lungenkrebs.

  9. 1965

    Hill veröffentlicht seine Prüffragen für Ursachenbehauptungen, die Medizinstudenten bis heute lernen.

Jeder Einwand wurde mit neuen Daten oder neuen Argumenten beantwortet. Der getroffene Übergang hat das Wissen nicht verhindert, er hat es erzwungen.

Je mehr jemand rauchte, desto höher war sein Risiko. In Ländern, in denen die Zigarette später Mode wurde, kam auch der Lungenkrebs später. Zigarettenteer erzeugte im Tierversuch Tumore. Und wer aufhörte, senkte sein Risiko. Jeder dieser Befunde ist ein neuer Pfeiler, und am Ende stand die Brücke fester als je zuvor.

Eine Vorfrage: Trifft das überhaupt die Sache?

Es bleibt eine Art von Beitrag, die in keine der drei Schubladen passt, und davon gab es in diesen Jahren reichlich.

Werbesätze der fünfziger Jahre

Millionen rauchen mit Genuss.

Rauchen beruhigt die Nerven.

Mehr Ärzte rauchen unsere Marke als jede andere.

Typografisch nachempfunden. Der dritte Satz folgt einer echten Kampagne der Marke Camel aus den Jahren 1946 bis 1952: »More Doctors Smoke Camels Than Any Other Cigarette«.

Was fängt man damit an? Ich schlage vor, solche Sätze nicht zuerst auf Wahrheit zu prüfen, sondern auf etwas anderes. Nehmen Sie an, der Satz stimmt. Wird die strittige Behauptung dadurch wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher?

DenkpauseAngenommen, mehr Ärzte rauchten wirklich Camel als jede andere Marke. Was folgt daraus für die Frage, ob Rauchen Lungenkrebs verursacht?

Nichts. Welche Marke Ärzte rauchen, sagt nichts darüber, was Zigarettenrauch in der Lunge anrichtet. Der Satz kann wahr sein und trotzdem kein Gewicht haben, weil er die strittige Behauptung weder wahrscheinlicher noch unwahrscheinlicher macht. Er soll den Leser beruhigen, nicht die Frage beantworten.

Wenn ein Satz die Behauptung weder stützt noch schwächt, dann trifft er die Sache nicht. Er mag wahr sein, er mag interessant sein; in dieser Debatte hat er kein Gewicht. Das ist der Relevanz-Einwand, und man kann ihn ganz freundlich vortragen: »Das mag stimmen. Aber zu unserer Frage sagt es nichts.«

Ich muss zwei Warnungen anfügen. Erstens heißt »nicht relevant« nicht »falsch«. Vielleicht beruhigt Rauchen tatsächlich die Nerven. Der Relevanz-Einwand bestreitet das nicht; er stellt es nur beiseite. Zweitens kann auch die andere Seite am Thema vorbeireden. »Fisher raucht selbst Pfeife, und der Tabakverband bezahlt ihn«, das wurde damals gesagt, und beides stimmte. Nur prüft es keinen einzigen seiner Sätze. Ob Fishers Anlage möglich ist, hängt nicht davon ab, wer ihm Honorar überweist. Seine Argumente waren mit Honorar so gut oder so schlecht wie ohne, und man weiß heute nur deshalb, was an ihnen dran war, weil Leute wie Cornfield sie an der Sache geprüft haben statt an der Person. In der nächsten Etappe bekommt dieses Manöver einen Namen.

Das Raster

Wenn Sie ein Argument kritisieren wollen, gehen Sie so vor.

  1. Fragen Sie zuerst, worum gestritten wird

    Sortieren Sie alle Beiträge aus, die eine andere Frage beantworten. Erklären Sie sie dabei nicht für falsch, sondern nur für unerheblich.

  2. Gehen Sie die Prämissen durch

    Welche ist strittig, und was spricht gegen sie? Ein begründeter Zweifel genügt; ein Beweis des Gegenteils ist nicht nötig.

  3. Prüfen Sie den Übergang

    Mit der Probefrage der fünften Etappe und dem Raster der sechsten. Wenn Sie einen Doppelgänger finden, nennen Sie den zweiten Weg, der zum selben Befund führt.

  4. Bauen Sie ein Gegenargument

    Wenn Sie die Behauptung selbst für falsch halten: mit eigenen Prämissen und eigenem Übergang. Lassen Sie es dieselbe Prüfung durchlaufen, die Sie eben ausgeteilt haben.

Über allem stehen zwei Regeln. Ein Treffer an Prämisse oder Übergang macht die Behauptung unbelegt, nicht falsch. Und ein Einwand ist ein Arbeitsauftrag, für den, der ihn bekommt, und für den, der ihn macht.

Merksatz

Ein Argument lässt sich an genau drei Stellen treffen, an einer Prämisse, am Übergang oder durch ein eigenes Gegenargument; wer Prämisse oder Übergang trifft, hat die Behauptung nicht widerlegt, sondern ihr die Stütze genommen, und das ist für beide Seiten ein Arbeitsauftrag.

In der nächsten Etappe geht es um Beiträge, die wie Kritik klingen und keine sind: Acht davon bekommen Namen, vom Strohmann bis zur Beweislast-Umkehr, als erste Karten des Fehlschluss-Katalogs. Von dort an läuft der Trainer, mit dem Sie die Karten bis zum Jahresfinale üben. Sie werden feststellen, dass die meisten dieser Fehlschlüsse alte Bekannte sind. Es sind die Manöver, die auf keine der drei Stellen zielen und trotzdem wie Kritik klingen.

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Das Werkzeug üben

10 Aufgaben · etwa 50 Minuten

So üben Sie

  1. Bearbeiten Sie die Aufgaben der Reihe nach und prüfen Sie jede Antwort, bevor Sie weitergehen.
  2. Lesen Sie die Rückmeldung auch dann, wenn Sie richtig lagen. Sie fügt meistens einen Gedanken hinzu, den Ihre Antwort noch nicht enthält.
  3. Wenn Sie feststecken, holen Sie sich mit »Hinweis anzeigen« einen Denkanstoß. Nach dem zweiten Fehlversuch können Sie sich die Auflösung zeigen lassen.
  4. Manche Aufgaben fragen, wie sicher Sie sich sind. Eine ehrliche Antwort hilft Ihnen und mir mehr als eine mutige.
  5. Aufgaben ohne Antwortfeld schreiben Sie ins Heft oder in Ihre Notiz-App. Tippen Sie danach auf »Erledigt«, damit der Stand oben stimmt.

Verstehen

5 Aufgaben · etwa 20 Minuten

Sitzt, was die Erklärung gezeigt hat? Die falschen Antworten sind keine Fallen, sondern die Denkfehler, die an dieser Stelle am häufigsten vorkommen. Die Rückmeldung sagt Ihnen, welcher es war.

  1. Aufgabe 1 · Auswählen

    Was fehlt dem Satz »Überzeugt mich nicht«?

    Sie proben Ihr Argument für Change my Mind. Ein Mitschüler hört zu, lehnt sich zurück und sagt: »Überzeugt mich nicht.« Mehr kommt nicht. Was fehlt diesem Beitrag, damit er ein Einwand ist?

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  2. Aufgabe 2 · Zuordnen

    Wo die Kritiker der Krebsstudien ansetzen

    Vier Wortmeldungen aus der Debatte der fünfziger Jahre, sinngemäß verdichtet. Ordnen Sie jeder die passende Beschreibung zu. Zwei Karten passen zu keiner.

    »Befragt wurden nur Menschen, die ohnehin im Krankenhaus lagen. Das ist keine Zufallsauswahl, und so gewonnene Zahlen können verzerrt sein.« (Joseph Berkson, Statistiker)
    »Selbst wenn die Zahlen stimmen: Eine ererbte Anlage könnte beides bewirken, die Lust am Rauchen und die Anfälligkeit für den Krebs. Dann zeigt der Befund keine Ursache.« (Ronald Fisher)
    »Wer aufhört zu rauchen, senkt sein Risiko Jahr für Jahr. Eine angeborene Anlage bliebe aber dieselbe. Also erklärt die Anlage den Krebs nicht.« (Jerome Cornfield und Kollegen)
    »Rauchen beruhigt die Nerven, das bestätigen einem viele Ärzte.« (Zigarettenwerbung der Zeit)

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  3. Aufgabe 3 · Lücken füllen

    Der Treffer in drei Sätzen

    Was ein Treffer beweist und was nicht. Vervollständigen Sie die drei Sätze. Die falschen Angebote sind die drei Irrtümer, die an dieser Stelle am häufigsten vorkommen.

    Wenn ein Angriff auf eine Prämisse oder auf den Übergang trifft, dann ist die Behauptung . Das getroffene Argument ist . Und wer die Behauptung weiter vertreten will, .

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  4. Aufgabe 4 · Auswählen

    Fishers Anlage und die Beweislast

    Fishers Anlage spielt in der Debatte zwei Rollen. Zuerst ist sie ein zweiter möglicher Weg zum Befund, also ein Einwand gegen den Übergang. Dann, als Fisher Zwillingsdaten dafür anführt, wird sie zu einer eigenen Erklärung, also zu einem Gegenargument. Was bedeutet das für die Frage, wer was beweisen muss?

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  5. Aufgabe 5 · Im Text markieren

    Sechs Sätze aus Werbung und Leserbriefen

    Die strittige Behauptung lautet: »Zigarettenrauchen verursacht Lungenkrebs.« Hier sind sechs Sätze aus Werbung, Leserbriefen und Stellungnahmen jener Jahre, sinngemäß. Markieren Sie die Sätze, die zu dieser Behauptung etwas beitragen, ob dafür oder dagegen.

    Weiter zum Teil »Aus dem Werkzeugkasten« →

Aus dem Werkzeugkasten

3 Aufgaben · etwa 10 Minuten

Hier kommen Werkzeuge aus früheren Etappen zurück, diesmal am neuen Stoff. Wenn eines nicht mehr sitzt, holen Sie sich mit »Hinweis anzeigen« eine Erinnerung oder schlagen in der Etappe nach, aus der es stammt; die Etappenleiste oben führt Sie hin.

  1. Aufgabe 6 · Auswählen

    Trägt der Schluss der Zeitungsleser?

    Der schnelle Schluss der Zeitungsleser von 1950 in Standardform: »Wenn Rauchen Lungenkrebs erzeugt, dann findet man unter den Erkrankten auffällig viele Raucher. Man findet unter den Erkrankten auffällig viele Raucher. Also erzeugt Rauchen Lungenkrebs.« Legen Sie das Raster der vier Formen aus der sechsten Etappe an. Welche Form ist das, und was folgt daraus?

    Weiter zu Aufgabe 7 →
  2. Aufgabe 7 · Auswählen

    Die Lücke in der Tabakanzeige

    1954 kaufte die amerikanische Tabakindustrie ganzseitige Zeitungsanzeigen. Man nehme die Sorge ernst, hieß es dort, aber die Forschung sei uneins. Jahrelang lautete das Argument dann sinngemäß: »Die Wissenschaft ist sich nicht einig. Also gibt es keinen Grund, beim Rauchen kürzerzutreten.« In der Standardform fehlt eine Prämisse. Welche Ergänzung ist die redliche, und was gewinnt Ihre Kritik damit?

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  3. Aufgabe 8 · Auswählen

    Die Prämisse aus dem Familienchat angreifen

    Im Familienchat wird eine Meldung weggewischt: »Nachrichten aus sozialen Netzwerken sind grundsätzlich unglaubwürdig. Das hier kommt aus einem sozialen Netzwerk. Also ist es unglaubwürdig.« Sie wollen die erste Prämisse angreifen. Mit welchem Werkzeug gelingt das, und was ist damit erreicht?

    Weiter zum Teil »Anwenden« →

Anwenden

2 Aufgaben · etwa 25 Minuten

Jetzt wenden Sie das Werkzeug selbst an, meist an neuem Material. Hier zeigt sich, ob Sie es allein gebrauchen können.

  1. Aufgabe 9 · Im Text markieren

    Welche Kritik am Kioskantrag trifft?

    In der Schulkonferenz liegt der Antrag vor, Energydrinks aus dem Schulkiosk zu nehmen. Das Argument der Antragsteller lautet: »Energydrinks stören mit Koffein und Zucker die Konzentration im Unterricht. Was den Unterricht stört, soll die Schule nicht selbst verkaufen. Also gehört der Verkauf gestoppt.« Es folgen sechs Wortmeldungen. Markieren Sie die, die als Kritik treffen, weil sie eine bestimmte Stelle des Arguments angreifen oder eigene Gründe gegen den Antrag nennen.

    Weiter zu Aufgabe 10 →
  2. Aufgabe 10 · Text schreiben · etwa 20 Minuten

    Drei Angriffe auf den Finnland-Kommentar

    Ein Kommentar in der Schülerzeitung fordert: »Hausaufgaben abschaffen! Finnland gibt kaum welche auf und schneidet in den internationalen Vergleichsstudien seit Jahren stark ab. Hausaufgaben bringen offenbar nichts.« Bringen Sie das Argument zuerst in Standardform und schreiben Sie die stillschweigende Brücke als gekennzeichnete Prämisse aus, wie Sie es in der vierten Etappe gelernt haben. Führen Sie dann alle drei Angriffe, jeden in zwei bis drei Sätzen: einen begründeten Zweifel an einer Prämisse Ihrer Wahl, einen Angriff auf den Übergang, der einen zweiten möglichen Weg zu Finnlands Abschneiden nennt, und ein eigenes Gegenargument gegen die Forderung. Prüfen Sie zum Schluss jeden Ihrer drei Angriffe darauf, ob er die Streitfrage überhaupt trifft, und notieren Sie zu jedem in einem Satz, was Sie in der Hand hätten, wenn er trifft: Ist die Forderung dann widerlegt oder nur unbelegt?

    Woran ich Ihren Text messe
    1. Standardform mit ausgeschriebener Brücke Prämissen und Konklusion stehen getrennt; die stillschweigende Brücke ist als Ergänzung gekennzeichnet und so schwach gefasst, wie es die Lücke gerade schließt.
    2. Begründeter Zweifel an einer Prämisse Eine Prämisse wird mit Gründen angezweifelt, nicht bloß bestritten; der Zweifel muss ihre Falschheit nicht beweisen.
    3. Angriff auf den Übergang Ein zweiter möglicher Weg zu Finnlands Abschneiden wird genannt, so dass das »also« nicht mehr zwingt.
    4. Eigenes Gegenargument Eigene Gründe gegen die Forderung, selbst als kleines Argument gebaut, mit Prämissen und Konklusion.
    5. Relevanzprüfung und Reichweite des Treffers Jeder Angriff wird darauf geprüft, ob er die Streitfrage trifft, und für jeden steht, ob die Forderung danach widerlegt oder nur unbelegt wäre.
    Formulierungshilfen
    • »Prämisse 1: … Prämisse 2: … (Prämisse 3, ergänzt: Wenn …, dann …) Konklusion: …«
    • »Die erste Prämisse ist strittig, weil …; das genügt, um sie anzuzweifeln.«
    • »Selbst wenn beide Prämissen stimmen, folgt die Konklusion nicht zwingend, denn Finnlands Abschneiden könnte auch an … liegen.«
    • »Gegen die Forderung spricht außerdem: … Also …«
    • »Trifft dieser Angriff, ist die Forderung nicht widerlegt, sondern unbelegt, weil …«

    0 Wörter · empfohlen 150 bis 350 Wörter · bitte keine echten Namen nennen

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An Ihrer These weiterbauen

etwa 15 Minuten

Worum es hier geht

Am Ende des Schuljahres sitzen Sie beim Pausenhofprojekt »Change my Mind« hinter Ihrer eigenen These und verteidigen sie gegen jeden, der sich an Ihren Tisch setzt. In jeder Etappe erproben Sie das neue Werkzeug an dieser These, und in der Werkstatt am Ende des Bandes fügen Sie alles zusammen.

Ihre letzte Arbeit an der These gehört zu Etappe 6, zur Aufgabe »Die eigene Standardform auf Doppelgänger prüfen«. Legen Sie dieses Blatt neben sich, bevor Sie weiterschreiben; fehlt es, holen Sie die Aufgabe zuerst nach.

  1. Aufgabe 11 · Für die Mappe schreiben · etwa 15 Minuten

    Der stärkste Einwand gegen das eigene Argument

    Ihr Argument für Change my Mind steht seit den Etappen vier bis sechs geprüft da, mit Standardform, Prämissen und Übergang. Jetzt wechseln Sie die Seite. Bauen Sie den stärksten Einwand gegen Ihr eigenes Argument, den Sie finden können, und zwar so stark, dass Ihre schärfste Gegnerin ihn unterschreiben würde. Wählen Sie die Stelle mit Bedacht: die wackligste Prämisse, den Übergang oder ein eigenes Gegenargument gegen Ihre These. Prüfen Sie den fertigen Einwand darauf, ob er Ihre These wirklich trifft, bevor Sie ihn gelten lassen. Dann antworten Sie ehrlich, auf einem von drei Wegen: Sie belegen die Prämisse nach, Sie schreiben die fehlende Brücke aus und verteidigen sie, oder Sie schwächen Ihre These ab. Wenn keiner der drei Wege trägt, geben Sie dem Einwand den Punkt und notieren Sie, was sich an Ihrer These ändert. Heben Sie Einwand und Antwort auf; in der Werkstatt nehmen Sie beide mit an den Tisch.

    Schreiben Sie auf ein eigenes Blatt für Ihre Mappe oder in Ihre Notiz »Change my Mind«, unter die Überschrift »Band I, Etappe 7«. Spätere Etappen holen es wieder hervor.

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Zurück zur Ausgangsfrage

5 Minuten
Die Ausgangsfrage

Im Jahr 1950 zählen zwei britische Forscher unter 649 Männern mit Lungenkrebs genau zwei Nichtraucher. Sieben Jahre später greift der bedeutendste Statistiker seiner Zeit den Schluss aus dieser Zahl an, und sein Einwand trifft. Trotzdem stimmt die These, das weiß heute jeder. Wie kann beides wahr sein: dass die Kritik trifft und die These stimmt?

  1. Lesen Sie die Frage und Ihre erste Antwort noch einmal und schreiben Sie darunter, wie Sie jetzt antworten würden. Hat sich etwas geändert, nennen Sie den Gedanken, der Sie umgestimmt hat.
  2. Schätzen Sie ein, wie sicher Sie das Lernziel jetzt beherrschen, und notieren Sie einen Gedanken zur Frage »Zum Weiterdenken«.
  3. Schließen Sie die Etappe ab. Der Haken erscheint dann im Lernpfad des Kurses. Wenn Sie angemeldet sind, geht mit dem Abschluss Ihre Antwort an mich. Was offen geblieben ist, bringen Sie in die Doppelstunde mit.
Selbsteinschätzung

Sie können ein Argument an der richtigen Stelle kritisieren, an einer Prämisse, am Übergang oder mit einem eigenen Gegenargument. Sie prüfen vorher, ob ein Einwand die Sache überhaupt trifft. Und Sie wissen, was ein Treffer beweist: Die Behauptung ist dann unbelegt, nicht widerlegt.

Wie sicher fühlen Sie sich damit jetzt?

Denken Sie an den letzten Einwand, der Sie wirklich getroffen hat. Haben Sie ihn damals als Arbeitsauftrag behandelt oder als Angriff auf sich? Und umgekehrt: Wann haben Sie zuletzt jemandem gesagt, sein Argument überzeuge Sie nicht, ohne zu sagen, an welcher Stelle?