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Argumente kritisieren
Das ist der Text, den Sie im Erklärvideo hören, nach seinen Kapiteln gegliedert. Er ist für die Stimme geschrieben; Zahlen stehen deshalb so da, wie sie gesprochen werden.
Zwei von 649
Stellen Sie sich London im Jahr neunzehnhundertfünfzig vor. Zwei Forscher, Richard Doll und Austin Bradford Hill, gehen durch die Krankenhäuser der Stadt und fragen Patienten mit Lungenkrebs, wie viel sie rauchen. Am Ende haben sie sechshundertneunundvierzig Männer befragt, und unter diesen sechshundertneunundvierzig finden sie genau zwei, die nie geraucht haben. Zwei. Die Zeitungen brauchen für die Erklärung keine Sekunde. Wenn Rauchen Lungenkrebs erzeugt, dann findet man unter den Kranken viele Raucher.
Und genau das findet man. Also erzeugt Rauchen Lungenkrebs. Was sonst. Sieben Jahre später steht ein Mann auf und sagt: So einfach ist das nicht. Der Mann heißt Ronald Fisher, und er ist nicht irgendwer, sondern der bedeutendste Statistiker seiner Zeit. Er zeigt, dass der Schluss der Zeitungen eine Lücke hat. Und er hat damit recht. Und nun kommt das Merkwürdige. Rauchen verursacht Lungenkrebs, das wissen wir heute so sicher wie wenig anderes in der Medizin.
Fisher hatte also recht, und die Zeitungen hatten auch recht. Wie kann das sein? Wenn Sie diese Frage am Ende der Etappe beantworten können, dann können Sie etwas, das erstaunlich wenige Erwachsene können: ein Argument kritisieren, ohne dabei mehr zu behaupten, als Sie wissen.
Drei Stellen
Sehen Sie sich den Schluss der Zeitungen noch einmal an. Er besteht aus zwei Prämissen, einer Konklusion und dem Also dazwischen, dem Übergang. Mehr ist da nicht. Und deshalb gibt es auch nur drei Stellen, an denen Kritik etwas ausrichten kann. Erstens: Man kann eine Prämisse angreifen. Man bestreitet, dass eine der Stützen wahr ist, oder man zeigt, dass sie nicht belegt ist. Zweitens: Man kann den Übergang angreifen. Man lässt die Prämissen stehen und zeigt, dass die Konklusion aus ihnen nicht zwingend folgt.
Drittens: Man kann das Argument in Ruhe lassen und ein eigenes Argument gegen die Konklusion bauen. Das nennt man ein Gegenargument. Auffällig ist, was in dieser Liste fehlt: die Konklusion selbst. Wer sagt: Ihre These ist falsch, der hat noch nichts angegriffen. Er hat nur eine zweite Behauptung neben die erste gestellt. Und wer behauptet, schuldet eine Begründung, das gilt seit der ersten Etappe. Ich zeige Ihnen die drei Angriffe jetzt nicht als Liste, sondern so, wie sie sich anfühlen.
Alle drei sind in diesem Fall wirklich geführt worden.
Der erste Angriff: die Zahlen
Der erste Zweifel galt den Zahlen. Der amerikanische Statistiker Joseph Berkson wandte ein: Doll und Hill haben nur Menschen befragt, die ohnehin im Krankenhaus lagen. Das ist keine Zufallsauswahl. Vielleicht kommen Raucher aus ganz anderen Gründen häufiger ins Krankenhaus, und dann findet man sie dort eben auch häufiger, mit Lungenkrebs wie ohne. Das ist ein Angriff auf die zweite Prämisse. Berkson bestreitet nicht, was aus ihr folgen würde. Er bestreitet, dass sie sauber belegt ist.
Und beachten Sie, was er dafür leisten muss. Er muss nicht beweisen, dass die Prämisse falsch ist. Es genügt, wenn er mit Gründen zeigt, dass sie wackelt. Denn eine wackelnde Stütze trägt nichts. Aber ein bloßes: Das glaube ich nicht, ist noch kein Angriff. Berkson hat gesagt, warum. Ohne dieses Warum wäre sein Einwand ein Achselzucken gewesen. Und was tat die Forschung mit dem Einwand? Sie nahm ihn ernst. Doll und Hill schrieben rund vierzigtausend gesunde Ärzte an und warteten ab, wer von ihnen in den nächsten Jahren erkrankte.
Wer so vorgeht, sucht sich seine Leute nicht im Krankenhaus zusammen. Das Ergebnis war dasselbe. Die Prämisse war nun belegt, und zwar besser als vorher. Behalten Sie diesen Ausgang im Kopf, ich komme darauf zurück.
Der zweite Angriff: das Also
Fisher setzte höher an. Er ließ die Zahlen gelten, ausdrücklich, und griff das Also an. Das Werkzeug dafür kennen Sie aus der letzten Etappe. Die erste Prämisse ist eine Wenn-dann-Aussage. Die zweite Prämisse sagt, dass man viele Raucher unter den Kranken findet. Sie bejaht also den Nachsatz. Und was ein bejahter Nachsatz wert ist, wissen Sie: nichts Zwingendes. Von der Folge zurück auf die Ursache zu schließen, das ist der erste Doppelgänger, die Bejahung des Nachsatzes.
Es könnte ja andere Ursachen geben, die zum selben Befund führen. Fisher begnügte sich nicht damit, das zu sagen. Er nannte eine solche andere Ursache. Nehmen wir an, sagte er, es gibt eine ererbte Anlage, die zwei Dinge zugleich bewirkt. Sie macht Menschen anfällig für Lungenkrebs, und sie macht ihnen das Rauchen angenehm. Dann fände man unter den Kranken auffällig viele Raucher, obwohl das Rauchen gar nichts verursacht. Beide wären nur Kinder derselben Mutter.
Und jetzt achten Sie darauf, was Fisher leisten muss und was nicht. Er muss nicht zeigen, dass es diese Anlage wirklich gibt. Der Schluss der Zeitungen behauptet, die Konklusion folge zwingend. Um ein Zwingend zu widerlegen, genügt eine einzige andere Möglichkeit. Fisher musste nur zeigen, dass seine Anlage möglich ist und den Befund erklären würde. Das ist der ganze Trick. Und er ist vollkommen sauber.
Der dritte Angriff: ein eigenes Argument
Dann ging Fisher einen Schritt weiter, und dieser Schritt änderte die Spielregeln. Er suchte nach Belegen für seine Anlage. Aus Zwillingsstudien wusste man, dass eineiige Zwillinge einander im Rauchverhalten ähnlicher sind als zweieiige. Wenn das stimmt, ist die Lust am Rauchen zu einem Teil angeboren. Damit war die Anlage keine bloße Denkmöglichkeit mehr, sondern eine Erklärung mit eigenem Fundament. Und in diesem Moment wurde aus dem Einwand ein Gegenargument. Fisher behauptete jetzt etwas.
Nicht mehr nur: Es könnte auch anders sein. Sondern: Es ist wahrscheinlich anders. Und wer etwas behauptet, muss es begründen. Ein Gegenargument ist ein Argument. Es hat eigene Prämissen und einen eigenen Übergang, und es muss dieselben drei Angriffe aushalten, die es austeilt. Genau das geschah. Neunzehnhundertneunundfünfzig gingen Jerome Cornfield und fünf Kollegen Fishers Einwände einzeln durch. Ihr stärkster Punkt ist so einfach, dass man ihn in einem Atemzug sagen kann.
Wenn allein die Anlage den Krebs verursacht, dann dürfte sich am Risiko nichts ändern, wenn jemand aufhört zu rauchen. Seine Anlage behält er ja. Tatsächlich sinkt das Risiko von Ex-Rauchern von Jahr zu Jahr. Also ist nicht allein die Anlage die Ursache. Das ist ein Modus tollens, wie er im Buch steht.
Was ein Treffer beweist
Jetzt zu der Frage, mit der ich angefangen habe. Fishers zweiter Angriff traf. Der Schluss der Zeitungen war wirklich ein Doppelgänger. Was war damit über die Behauptung bewiesen, dass Rauchen Lungenkrebs verursacht? Die Antwort lautet: nichts. Und ich meine das wörtlich. Ein Argument ist eine Stütze für eine Behauptung. Wenn die Stütze bricht, fällt die Stütze, nicht die Behauptung. Es hilft, sich drei Zustände vorzustellen. Eine Behauptung kann begründet sein, dann hat sie ein Argument, das trägt.
Sie kann unbelegt sein, dann hat sie keins, könnte aber trotzdem wahr sein. Und sie kann widerlegt sein, dann gibt es ein tragendes Argument dagegen. Ein Angriff auf eine Prämisse oder auf den Übergang schiebt eine Behauptung von begründet nach unbelegt. Nach widerlegt kommt sie so nie. Dorthin bringt sie nur ein Gegenargument. Oder, bei einer Allaussage, ein Gegenbeispiel. Wer das vergisst, macht einen Fehler, der sich wie ein Sieg anfühlt: Deine Begründung trägt nicht, also ist deine Behauptung falsch.
Wer neunzehnhundertsiebenundfünfzig so gedacht hätte, hätte geglaubt, Rauchen sei harmlos. Mit dem guten Gefühl, gerade besonders scharf gedacht zu haben.
Der Arbeitsauftrag
Zwei Dinge folgen daraus, eines für jede Seite. Wer eine unbelegte Behauptung weiter vertreten will, darf das. Aber er muss sie neu begründen. Unbelegt ist kein Freibrief. Und wer ein Argument getroffen hat, hat es nicht beerdigt. Argumente lassen sich reparieren. Eine Prämisse lässt sich nachbelegen, wie Doll und Hill es mit ihren Ärzten taten. Ein Übergang lässt sich mit einer weiteren Prämisse schließen. Eine Behauptung lässt sich abschwächen, bis sie trägt.
In der letzten Etappe hieß es: Ein Verdacht ist ein Arbeitsauftrag. Für Einwände gilt dasselbe. Ein Einwand ist ein Arbeitsauftrag, für beide Seiten. So ist es auch ausgegangen. Die Forschung antwortete auf Fisher nicht beleidigt, sondern mit Arbeit. Je mehr jemand rauchte, desto höher sein Risiko. In Ländern, in denen die Zigarette später Mode wurde, kam auch der Lungenkrebs später. Und wer aufhörte, senkte sein Risiko. Neunzehnhundertvierundsechzig war die Sache entschieden.
Fisher erlebte das nicht mehr. Aber aus der Arbeit dieser Jahre wurde eine Methode, die Medizinstudenten bis heute lernen. Der getroffene Übergang hat das Wissen nicht verhindert. Er hat es erzwungen.
Trifft das überhaupt die Sache?
Es bleibt eine Art von Beitrag, die in keine der drei Schubladen passt. Die Tabakindustrie warb damals so: Millionen rauchen mit Genuss. Rauchen beruhigt die Nerven. Mehr Ärzte rauchen unsere Marke als jede andere. Was fängt man damit an? Ich schlage vor, solche Sätze nicht zuerst auf Wahrheit zu prüfen, sondern auf etwas anderes. Nehmen Sie an, der Satz stimmt. Wird die strittige Behauptung dadurch wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher? Wenn weder das eine noch das andere, dann trifft der Satz die Sache nicht.
Er mag wahr sein, er mag interessant sein. In dieser Debatte hat er kein Gewicht. Das ist der Relevanz-Einwand, und man kann ihn ganz freundlich vortragen: Das mag stimmen. Aber zu unserer Frage sagt es nichts. Ich muss zwei Warnungen anfügen. Nicht relevant heißt nicht falsch. Vielleicht beruhigt Rauchen wirklich die Nerven. Der Einwand bestreitet das nicht, er stellt es nur beiseite. Und die andere Seite kann genauso am Thema vorbeireden.
Fisher raucht selbst Pfeife, und der Tabakverband bezahlt ihn. Das wurde damals gesagt, und beides stimmte. Nur prüft es keinen einzigen seiner Sätze. Ob Fishers Anlage möglich ist, hängt nicht davon ab, wer ihm Honorar überweist. Man weiß heute nur deshalb, was an seinen Argumenten dran war, weil Leute wie Cornfield sie an der Sache geprüft haben statt an der Person.
Das Raster
Wenn Sie ein Argument kritisieren wollen, gehen Sie so vor. Fragen Sie zuerst, worum überhaupt gestritten wird, und sortieren Sie alles aus, was eine andere Frage beantwortet. Gehen Sie dann die Prämissen durch. Welche ist strittig, und was spricht gegen sie? Ein begründeter Zweifel genügt. Prüfen Sie dann den Übergang, mit der Probefrage und dem Raster. Und wenn Sie einen Doppelgänger finden, nennen Sie den zweiten Weg, der zum selben Befund führt.
Und wenn Sie die Behauptung selbst für falsch halten, bauen Sie ein Gegenargument. Mit eigenen Prämissen, eigenem Übergang, und derselben Prüfung, die Sie eben ausgeteilt haben. Über allem stehen zwei Regeln. Ein Treffer an Prämisse oder Übergang macht die Behauptung unbelegt, nicht falsch. Und ein Einwand ist ein Arbeitsauftrag, für den, der ihn bekommt, und für den, der ihn macht. In der nächsten Etappe geht es um Beiträge, die wie Kritik klingen und keine sind.
Acht davon bekommen Namen, vom Strohmann bis zur Beweislast-Umkehr. Und ab dort läuft der Trainer.
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