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Fehlschlüsse
Das ist der Text, den Sie im Erklärvideo hören, nach seinen Kapiteln gegliedert. Er ist für die Stimme geschrieben; Zahlen stehen deshalb so da, wie sie gesprochen werden.
Das Manuskript
Ich beginne mit einem Buch, das sein Verfasser nie drucken lassen wollte. Berlin, um achtzehnhundertdreißig. Arthur Schopenhauer schreibt an einem Manuskript, das er Eristische Dialektik nennt, die Kunst des Streitens. Und auf der ersten Seite sagt er, worum es ihm geht: um die Kunst, so zu disputieren, dass man Recht behält, per fas et nefas. Mit erlaubten Mitteln und mit unerlaubten. Ob man in der Sache recht hat, will er ausdrücklich nicht fragen.
Recht behalten ist das Ziel, nicht Recht haben. Dann zählt er auf, womit man das erreicht. Kunstgriff eins: die Behauptung des Gegners übertreiben, damit sie leichter zu schlagen ist. Kunstgriff sechs: voraussetzen, was man beweisen soll, nur unter anderem Namen. Kunstgriff dreißig: Statt der Gründe brauche man Autoritäten. Und der letzte, Nummer achtunddreißig: Wenn man merkt, dass der Gegner überlegen ist, so werde man persönlich, beleidigend, grob. Achtunddreißig Kunstgriffe. Dann hört er auf.
Zwanzig Jahre später schreibt er, die Beleuchtung all dieser Schlupfwinkel der Unredlichkeit widere ihn inzwischen an. Gedruckt wird das Manuskript erst nach seinem Tod, und heute steht es in jeder Buchhandlung: Die Kunst, Recht zu behalten. Warum sollten Sie so etwas lesen? Schopenhauer selbst gibt die Antwort. Man müsse die unredlichen Kunstgriffe kennen, um ihnen zu begegnen, damit man sie in wirklichen Debatten gleich erkenne und vernichte. Ein Trick, der einen Namen hat, verliert einen großen Teil seiner Wirkung.
Am Ende der siebten Etappe habe ich Ihnen Beiträge angekündigt, die wie Kritik klingen und keine sind. Acht davon bekommen jetzt einen Namen. Sieben der acht stehen bei Schopenhauer, manche fast wörtlich. Es sind die ersten acht Karten des Fehlschluss-Katalogs, der Sie durch alle drei Bände begleitet.
Drei Orte
Erinnern Sie sich an die Brücke. Die Pfeiler sind die Prämissen, die Spannweite ist der Übergang, das andere Ufer ist die Konklusion. In der siebten Etappe haben Sie gelernt, dass Kritik an genau drei Stellen etwas ausrichten kann: an einem Pfeiler, an der Spannweite, oder mit einer eigenen Brücke zurück. Und vor allem steht die Vorfrage, ob ein Beitrag die Sache überhaupt trifft. Ein Fehlschluss ist ein Beitrag, der so aussieht, als täte er eines davon, und es nicht tut.
Er sieht aus wie ein Angriff auf einen Pfeiler und trifft keinen. Er sieht aus wie ein Pfeiler und trägt nicht. Er sieht aus wie eine Spannweite und ist aus Papier. Das ist der rote Faden dieser Etappe: Jeder Fehlschluss verfehlt eine bestimmte Stelle des Arguments, und die Karte sagt, welche. Sehen Sie zu, wo die acht landen. Drei berühren die Brücke gar nicht. Sie zielen auf eine Brücke, die niemand gebaut hat, auf den Baumeister, oder auf den, der kritisiert.
Drei stellen einen Pfeiler hin, der keiner ist. Und zwei ersetzen die Spannweite durch etwas, das keine ist: durch einen Rang oder eine Zahl. Ich vereinfache hier ein wenig, man könnte manche Karte auch anders hängen. Aber die Ordnung hat einen Vorzug. Wer weiß, wo ein Manöver die Brücke verfehlt, weiß auch, wohin er das Gespräch zurückführen muss.
Neben der Brücke
Die ersten drei Manöver berühren die Brücke nicht. Kunstgriff eins heißt bei Schopenhauer die Erweiterung. Sein Beispiel: Er behauptet, die Engländer seien die erste dramatische Nation. Sein Gegner antwortet, in der Musik und folglich in der Oper hätten sie nie etwas geleistet. Aus Drama wurde alles, was auf einer Bühne stattfindet, und die übertriebene Behauptung ließ sich leicht schlagen. Die echte blieb unberührt. Wir nennen das einen Strohmann, nach der Figur aus Stroh, die man aufstellt, um sie umzuwerfen, weil sie sich nicht wehrt.
Die Prüffrage: Würde der Angegriffene die Wiedergabe seiner Position unterschreiben? Wenn nicht, kämpft der Angreifer allein. Der letzte Kunstgriff ist der bekannteste. Man geht, so schreibt Schopenhauer, von dem Gegenstand des Streites ab auf den Streitenden. Sie kennen das Beispiel: Fisher raucht Pfeife und nimmt Geld vom Tabakverband. Beides wahr, und beides prüft keinen einzigen seiner Sätze. Das ist das Ad hominem, gegen den Menschen. Es zielt auf den Baumeister, und die Brücke steht danach wie vorher.
Die Prüffrage: Wäre das Argument schlechter, wenn jemand anderes es vorgebracht hätte? Das dritte Manöver ist Kunstgriff sechzehn, mit einem Beispiel, das man nicht vergisst. Verteidigt jemand den Selbstmord, so schreit man gleich: Warum hängst du dich nicht auf? Der Vorwurf wird zurückgeschickt, statt beantwortet zu werden. Das ist das Tu quoque, du auch. Es fühlt sich wie eine Verteidigung an und ist keine, denn ob der Vorwurf zutrifft, bleibt vollkommen offen.
Und der Unterschied zum Ad hominem in einem Satz: Das Ad hominem ersetzt eine Antwort durch einen Angriff auf die Person. Das Tu quoque beantwortet einen Vorwurf mit demselben Vorwurf.
Am Pfeiler
Die nächsten drei Manöver stellen etwas hin, das aussieht wie ein Pfeiler. Erst wenn man dagegen drückt, merkt man, dass es Kulisse ist. Das erste steht nicht bei Schopenhauer. Seit der ersten Etappe gilt: Wer behauptet, muss begründen. Die Beweislast-Umkehr dreht das um. Der andere soll das Gegenteil beweisen, und solange er das nicht kann, gilt die Behauptung als belegt. Der Pfeiler ist hier der fehlende Gegenbeweis, und ein fehlender Gegenbeweis trägt gar nichts.
Dass niemand bewiesen hat, dass es keine Geister gibt, ist kein Grund, an Geister zu glauben. Die Prüffrage: Wer hat behauptet, und wer soll jetzt beweisen? Das zweite ist Schopenhauers Kunstgriff sechs: voraussetzen, was man beweisen soll, unter einem anderen Namen. Das schönste Beispiel ist von Molière. Ein Medizinkandidat wird gefragt, warum Opium schläfrig macht, und die Antwort, die die Prüfer jubeln lässt, lautet: weil es eine einschläfernde Kraft besitzt.
Die Begründung sagt in anderen Worten, was sie begründen soll. Auf der Brücke führt die Fahrbahn in einem Bogen zurück ans eigene Ufer. Das ist der Zirkelschluss. Die Prüffrage: Müsste man die Behauptung schon glauben, um die Begründung anzunehmen? Das dritte ist Kunstgriff dreizehn. Man legt dem Gegner das Gegenteil des eigenen Satzes recht grell vor und lässt ihm die Wahl. Schopenhauers Bild dazu: Legt man Grau neben Schwarz, kann es weiß heißen.
Legt man es neben Weiß, kann es schwarz heißen. Das ist das Schwarz-Weiß. Zwei Möglichkeiten werden angeboten, wo es mehr gibt. Der Pfeiler heißt: Es gibt nur diese zwei. Und er ist meistens falsch. Die Prüffrage: Gibt es eine dritte Möglichkeit, die das Entweder-oder verschweigt?
Übergänge aus Papier
Die letzten beiden Karten teilen sich bei Schopenhauer einen einzigen Kunstgriff, die Nummer dreißig. Statt der Gründe brauche man Autoritäten. Am besten solche, die der Gegner gar nicht versteht, denn die wirkten meistens am meisten. Was passiert dabei an der Brücke? Der Pfeiler heißt: Eine Person mit Rang sagt es. Die Spannweite müsste heißen: Was sie sagt, ist deshalb wahr. Und die trägt nur unter zwei Bedingungen. Die Person muss für genau diese Frage zuständig sein, und sie muss Gründe nennen, die man prüfen kann.
Fehlt eines davon, hängt an der Stelle des Übergangs ein Papierstreifen mit einem Titel darauf. Eine Zigarettenmarke warb sechs Jahre lang damit, dass mehr Ärzte sie rauchten als jede andere. Die Ärzte waren Autoritäten, nur nicht für die Frage, die die Anzeige beantworten sollte. Das ist der Autoritäts-Appell. Und hier muss ich sofort warnen. Sich auf eine zuständige Fachfrau zu berufen, die ihre Gründe nennt, ist kein Fehlschluss. Es ist eine gute Prämisse, und oft die beste, die wir haben.
Das Manöver beginnt erst dort, wo der Titel die Gründe ersetzt. Die zweite Hälfte desselben Kunstgriffs handelt von der allgemeinen Meinung. Schopenhauer empfiehlt sie als Waffe und sagt im selben Atemzug, was er von ihr hält: Sie sei kein Beweis, ja nicht einmal ein Wahrscheinlichkeitsgrund. Jahrhundertelang glaubten alle, die Sonne kreise um die Erde. Wo die Zahl der Zustimmenden den Übergang ersetzt, sprechen wir vom Mehrheits-Appell. Fünfzig Millionen Elvis-Fans können sich sehr wohl irren.
Und die Prüffrage: Wäre die Behauptung falsch, wenn die Mehrheit morgen anders dächte? Der Unterschied zwischen den beiden Karten ist der zwischen einem Titel und einer Menge. Der Autoritäts-Appell fragt, wer es sagt. Der Mehrheits-Appell fragt, wie viele.
Kunstgriff siebenunddreißig
Ich habe einen Kunstgriff übersprungen, und den hole ich jetzt nach, weil er der wichtigste Satz dieser Etappe ist. Schopenhauer merkt an, er hätte einer der ersten sein sollen. Er lautet: Wenn der Gegner auch in der Sache Recht hat, allein glücklicherweise für selbige einen schlechten Beweis wählt, so gelingt es uns leicht, diesen Beweis zu widerlegen, und nun geben wir dies für eine Widerlegung der Sache aus. Hören Sie den Satz noch einmal.
Das ist die Regel der siebten Etappe, nur von der anderen Seite erzählt. Dort hieß es: Ein Treffer macht die Behauptung unbelegt, nicht falsch. Hier lernen wir, wie man das ausnutzt: indem man so tut, als wäre mit dem Beweis auch die Sache gefallen. Und dasselbe gilt für die acht Karten. Wer einen Strohmann ertappt, hat einen Beitrag aus der Debatte genommen. Er hat nicht gezeigt, dass die These des anderen falsch ist.
Wer den Mehrheits-Appell benennt, hat gezeigt, dass die Mehrheit als Grund ausscheidet. Und sonst nichts. Der andere kann trotzdem recht haben. Er hat es nur an dieser Stelle nicht gezeigt. Für diesen Fehler gibt es einen eigenen Namen, den Fehlschluss-Fehlschluss, und er ist die letzte Karte des ganzen Katalogs, im dritten Band. Ich nehme ihn vorweg, weil man ihn am ersten Tag braucht, an dem man die anderen Karten in der Hand hat.
Wer acht Manöver benennen kann, fühlt sich stark. Und Stärke verleitet zu dem Schluss, der Gegner habe mit dem Manöver auch seine Sache verloren. Hat er nicht. Recht behalten und Recht haben sind zwei verschiedene Dinge, in beide Richtungen. Und noch etwas: Die Karten benennen einen Beitrag, keine Absicht. Schopenhauer selbst sagt, die meisten Menschen übten diese Griffe instinktmäßig. Wer aus dem ertappten Manöver einen Vorwurf an die Person macht, ist schon beim nächsten Fehlschluss.
Die harmlosen Verwandten
Sobald man die Karten kennt, sieht man sie überall. Das ist die zweite Gefahr dieser Etappe. Jede der acht Karten hat eine harmlose Verwandte, die ihr zum Verwechseln ähnlich sieht. Ein Vorwurf an eine Person ist kein Ad hominem, wenn er die Sache trifft. Der Zeuge hat nachweislich gelogen: Das redet über die Person und über die Sache zugleich. Ein Entweder-oder ist kein Schwarz-Weiß, wenn es wirklich nur zwei Möglichkeiten gibt.
Ein Antrag wird angenommen oder abgelehnt. Wer Belege verlangt, kehrt keine Beweislast um. Er erinnert an die Regel aus der ersten Etappe. Und wer sich auf eine zuständige Fachfrau mit Gründen beruft, begeht keinen Autoritäts-Appell. Woran unterscheidet man die Karte von ihrer Verwandten? Nicht an den Wörtern. Entweder-oder kommt in echten Entweder-oders vor, Experten sagen in guten Prämissen, und du auch in berechtigten Rückfragen. Man unterscheidet sie an der Prüffrage.
Sie steht auf jeder Karte, und sie ist der Grund, warum die Karte mehr ist als ein Etikett. Sie sagt, was man tun muss, um sicher zu sein. Dasselbe gilt für die Nachbarkarten. Tu quoque oder Ad hominem: Wird ein Vorwurf zurückgeschickt, oder wird die Person angegriffen? Autoritäts- oder Mehrheits-Appell: Rang oder Zahl? Strohmann oder Schwarz-Weiß: Wird eine Position verzerrt, oder wird ein dritter Weg verschwiegen? Zirkelschluss oder Beweislast-Umkehr: Stützt die These sich selbst, oder soll der andere das Gegenteil beweisen?
Wer diese vier Fragen stellen kann, hat die acht Karten nicht auswendig gelernt, sondern verstanden.
Am Tisch
Wie gebraucht man das am Tisch? Schopenhauer gibt am Ende seines Manuskripts einen Rat, der besser ist als das ganze Buch davor. Wenn der Gegner persönlich werde, solle man ruhig antworten, das gehöre nicht zur Sache, und sogleich auf diese zurücklenken. Das ist die ganze Kunst, und sie hat drei Schritte. Erstens: Benennen Sie das Manöver, nicht die Person. Das ist ein Strohmann, darf man sagen. Noch besser ist, zu beschreiben, was geschehen ist: Das habe ich nicht gesagt.
Ich habe von zwanzig Minuten gesprochen. Zweitens: Stellen Sie die Prüffrage laut, damit der andere und die Zuhörer sie hören. Wäre mein Argument schlechter, wenn jemand anderes es vorgebracht hätte? Drittens: Führen Sie zurück zu der Frage, um die es geht, und geben Sie dem anderen die Gelegenheit, sie mit Gründen zu beantworten. Und was Sie dabei nicht tun: seine These für erledigt erklären. Sie haben einen Beitrag aus dem Gespräch genommen.
Die Frage steht wie vorher.
Das Raster
Wenn Ihnen ein Beitrag verdächtig vorkommt, fragen Sie zuerst, ob er die Brücke berührt. Berührt er sie nicht, dann fragen Sie, wohin er stattdessen zielt: auf eine Position, die niemand vertritt, auf die Person, oder zurück auf den, der einen Vorwurf gemacht hat. Strohmann, Ad hominem, Tu quoque. Stellt er einen Pfeiler hin, dann drücken Sie dagegen. Ist es der fehlende Gegenbeweis, die Behauptung selbst in anderen Worten, oder ein Entweder-oder, das den dritten Weg verschweigt?
Beweislast-Umkehr, Zirkelschluss, Schwarz-Weiß. Ersetzt er den Übergang, dann fragen Sie, wodurch: durch einen Rang ohne Gründe oder durch eine Zahl. Autoritäts-Appell, Mehrheits-Appell. Und stellen Sie die Prüffrage der Karte, bevor Sie den Namen aussprechen, denn jede Karte hat eine harmlose Verwandte. Über allem steht Kunstgriff siebenunddreißig, rückwärts gelesen: Ein ertapptes Manöver nimmt einen Beitrag aus der Debatte, nicht die Behauptung, für die er stand. Von hier an üben Sie nicht mehr in dieser Etappe, sondern an der Werkbank des Kurses.
Dort warten die acht Karten in einem Karteikasten, der sich merkt, was Sie noch nicht sicher können, eine Blitzrunde gegen die Uhr, und das Hauptspiel: Auf frischer Tat. Acht Sendungen, vom Klassenchat bis zur Talkshow, in denen die Manöver fallen, während Sie zusehen. Danach bleibt in diesem Band nur noch die Werkstatt. Dort wählen Sie die These für Ihren Tisch beim Pausenhof-Finale, bauen Ihr bestes Argument in Standardform und nehmen den stärksten Einwand vorweg, den Sie kennen.
Bis dahin: an die Werkbank.
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