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Philosophie Argumentieren · Etappe 04

Videotext · Video 17:26 Min. · 2255 Wörter

Das Argument: Prämissen und Konklusion

Das ist der Text, den Sie im Erklärvideo hören, nach seinen Kapiteln gegliedert. Er ist für die Stimme geschrieben; Zahlen stehen deshalb so da, wie sie gesprochen werden.

Sieben Sätze, durcheinander

Ich beginne mit einer Sortieraufgabe. Im Oktober zweitausendzwanzig legte eine Fraktion im Deutschen Bundestag einen Gesetzentwurf vor, der das Wahlalter für die Bundestagswahl von achtzehn auf sechzehn Jahre senken sollte. Ein halbes Jahr später lehnte der Bundestag ihn ab. Aus seinem ersten Abschnitt habe ich sieben Sätze genommen und gemischt. Hier sind sie. Gegenwärtig bleibt daher mehr als anderthalb Millionen Bundesbürgerinnen und Bundesbürgern zwischen sechzehn und achtzehn Jahren allein aufgrund ihres Alters das aktive Wahlrecht verwehrt.

Der Grundsatz der Allgemeinheit der Wahl garantiert das Recht aller Staatsbürger, zu wählen und gewählt zu werden. Eine Unfähigkeit zur politischen Willensbildung bei Personen zwischen sechzehn und achtzehn Jahren kann jedoch nicht beobachtet werden. Das Wahlrecht ist der Schlüssel zur politischen Partizipation. Ein Ausschluss vom aktiven Wahlrecht ist daher nicht zu rechtfertigen. Der Ausschluss von der Wahl für Personen zwischen sechzehn und achtzehn Jahren kann allein mit mangelnder Kommunikationsfähigkeit dieser Personengruppe gerechtfertigt werden.

Ein Ausschluss von diesem Recht kann vorgenommen werden, ist jedoch begründungsbedürftig. Einer dieser sieben Sätze wird von den anderen getragen; er ist der Satz, auf den der Text hinauswill. Zwei der Sätze enthalten das Wort daher, und nur einer von beiden ist der gesuchte. Welcher? Ich löse noch nicht auf. Aber das Wort daher hilft nur zur Hälfte, denn es steht in beiden Sätzen. Und die Reihenfolge hilft nicht, denn ich habe sie zerstört, und im Original hätte sie auch nicht geholfen.

Was Ihnen hilft, ist eine einzige Frage, und die stelle ich in dieser Etappe so oft, bis Sie sie im Schlaf stellen. Vorher brauche ich das Wort, um das sich der ganze Band dreht.

Was ein Argument ist

Am Ende der dritten Etappe habe ich angekündigt, Aussagen zu dem zusammenzusetzen, wofür sie gemacht sind. Das Material dafür liegt auf Ihrem Blatt: eine These und darunter ein Weil-Satz. Ein Argument ist eine Gruppe von Aussagen, in der einige die Aufgabe haben, eine andere zu stützen. Die gestützte Aussage heißt Konklusion. Die stützenden heißen Prämissen. Und das Stützen selbst, diese Beziehung zwischen den Sätzen, nenne ich die Stützbeziehung. Drei Dinge muss ich dazu klarstellen.

Erstens: Alle Beteiligten sind Aussagen im Sinn der zweiten Etappe, also Sätze, die etwas als wahr hinstellen. Eine Frage kann nichts stützen, ein Befehl auch nicht. Zweitens: Der Alltag redet anders als diese Reihe. Wenn jemand sagt, das sei ein gutes Argument, meint er meistens einen einzelnen Grund. In dieser Reihe meint das Wort immer das Ganze, Prämissen und Konklusion zusammen. Ein Grund allein ist noch kein Argument. Und eine Konklusion allein ist erst recht keines.

Sie ist eine Behauptung, und Behauptungen kosten nichts, das war die erste Etappe. Der römische Senator Cato soll jahrelang jede Rede mit demselben Satz beendet haben: Karthago müsse zerstört werden. Ein Weil ist nicht überliefert, und tausend Wiederholungen zählen so viel wie die tausend weißen Schwäne der letzten Etappe, nämlich nichts. Catos Satz war kein schlechtes Argument. Er war gar keines, ein Ufer ohne Brücke. Drittens: Die Stützbeziehung hat eine Richtung, und die ist unumkehrbar.

Die Prämissen tragen die Konklusion, niemals umgekehrt. Ein Satz, der von den anderen getragen wird, trägt selbst nichts, so kräftig er auch klingt.

Der Bauplan

In der ersten Etappe habe ich Ihnen ein Bild gegeben: der Fluss, das andere Ufer, die Begründung als Brücke. Heute zeichne ich die Brücke nicht mehr als Bild, sondern als Bauplan. Die Prämissen sind die Pfeiler. Nummeriert, jeder steht für sich im Wasser. Die Konklusion ist das andere Ufer, der Ort, an dem der Text seine Leser haben will. Das kleine Wort Also ist die Spannweite, die von den Pfeilern hinüberträgt.

Philosophen schreiben diesen Bauplan seit langem in einer festen Form auf. Sie heißt Standardform, und sie ist nichts anderes als der Plan in Zeilen. Alle Prämissen stehen nummeriert untereinander, jede als vollständiger Aussagesatz, jede mit genau einem Gedanken. Darunter kommt ein Strich. Und unter den Strich, eingeleitet mit Also, die Konklusion. Und die Konklusion steht immer zuletzt, ganz gleich, wo der Text sie untergebracht hat, denn die Standardform sortiert nach der Stützrichtung, nicht nach der Reihenfolge des Vortrags.

Und so sieht der Gesetzentwurf in Standardform aus; ich verrate damit die Lösung der Sortieraufgabe. Prämisse eins: Der Grundsatz der Allgemeinheit der Wahl garantiert allen Staatsbürgern das Recht zu wählen. Prämisse zwei: Wer eine Gruppe von diesem Recht ausschließt, muss das mit objektiven Gründen rechtfertigen. Prämisse drei: Für Sechzehn- und Siebzehnjährige käme als Grund allein in Frage, dass sie zur politischen Willensbildung nicht fähig sind. Prämisse vier: Eine solche Unfähigkeit lässt sich bei ihnen nicht beobachten.

Strich. Also: Der Ausschluss der Sechzehn- und Siebzehnjährigen vom Wahlrecht ist nicht zu rechtfertigen. Vier Pfeiler, ein Ufer. Der Satz mit dem ersten daher ist die Konklusion. Das zweite daher und der Satz vom Schlüssel zur Partizipation kommen im Plan nicht vor, und warum, das zeige ich Ihnen jetzt.

Herauslösen: die Warum-Probe

Hier ist der Abschnitt, so wie er in der Drucksache steht, dreizehn Sätze. Wie kommt man von diesem Text zum Plan? Nicht über die Stellung im Text. Der Entwurf trägt seine Konklusion im zwölften von dreizehn Sätzen, andere Texte stellen sie an den Anfang oder heben sie sich für den Schluss auf. Verlässlich ist daran nichts. Und auch nicht über Signalwörter, dazu gleich mehr. Verlässlich ist nur die Stützbeziehung. Und die findet man mit einer Probe, die ich die Warum-Probe nenne.

Stellen Sie einem Satz des Textes die Frage Warum, und hören Sie, ob andere Sätze des Textes darauf antworten. Der Satz, für den die anderen Antworten liefern, ist die Konklusion. Die Antworten sind die Prämissen. Und Sätze, die auf nichts antworten und nach denen niemand fragt, sind Beiwerk. Warum ist der Ausschluss nicht zu rechtfertigen? Weil das Wahlrecht allen zusteht. Weil ein Ausschluss begründet werden muss. Weil als Grund allein die Unfähigkeit in Frage käme.

Und weil die sich nicht beobachten lässt. Vier Antworten, vier Pfeiler, und die Konklusion wandert ans andere Ufer. Und nun die Gegenprobe. Warum bleibt anderthalb Millionen Menschen das Wahlrecht verwehrt? Darauf antwortet kein Satz des Abschnitts, sondern das Gesetz, das achtzehn Jahre verlangt. Der Satz stützt nichts und wird von nichts gestützt; er ist der Anlass des Entwurfs, nicht sein Argument. Und der Satz vom Schlüssel zur Partizipation gibt dem Thema Gewicht, antwortet aber auf kein Warum.

Er ist Beiwerk, und Beiwerk trägt nichts. Und ein Satz ist eine Art für sich: Ein Mindestalter sei seit jeher als verträglich angesehen worden. Das ist kein Grund für die Konklusion, sondern ein Zugeständnis an die Gegenseite: Ein Mindestalter an sich sei in Ordnung, nur nicht dieses. Zugeständnisse kommen nicht in die Standardform. Aber merken Sie sich dieses eine, es wird gleich wichtig.

Wegweiser sind keine Bauteile

Weil, denn und da kündigen oft eine Prämisse an. Also, deshalb, daher und folglich kündigen oft eine Konklusion an. Wo sie stehen, sind sie Gold wert. Aber sie sind Wegweiser, keine Bauteile. Ein Wegweiser steht neben der Straße. Man kann ihn abmontieren, und die Straße bleibt. Und wie ein Wegweiser kann er auch schief stehen. Das zweite daher des Entwurfs ist so ein Fall: Es kündigt keine Konklusion an, es sagt, was aus dem geltenden Gesetz folgt.

Umgekehrt kommen viele Argumente ganz ohne Schilder aus. Damit hängt eine Warnung zusammen, ehe Sie überall Argumente sehen. Nicht jedes Weil begründet. Das Freibad öffnet erst im Mai, weil das Becken saniert wird. Das stützt keine strittige These, denn dass das Freibad erst im Mai öffnet, bezweifelt niemand, es steht am Aushang. Der Satz erklärt, wie es zu einer feststehenden Tatsache kommt. Das zweite daher des Entwurfs tut dasselbe: Es erklärt einen Zustand aus dem Gesetz.

Ich vereinfache hier, und ich sage es dazu: Die Grenze zwischen Begründen und Erklären ist im Einzelfall verzwickt. Für den Tisch genügt die Faustregel: Fragen Sie, ob etwas auf dem Spiel steht. Ein Argument muss Wasser überbrücken, hinüber zu einer These, die auch bestritten wird. Wo kein Wasser ist, braucht es keine Brücke. Und ein Weil, das dort steht, weist nur den Weg über trockenes Land.

Der Pfeiler, den niemand einträgt

Nun zu der Stelle, an der der Plan noch nicht fertig ist. Der Abschnitt endet bei dem Satz, dass der Ausschluss nicht zu rechtfertigen sei. Gefordert wird aber ein Gesetz, das das Wahlalter senkt, und das ist das eigentliche andere Ufer. Zwischen nicht zu rechtfertigen und ist zu senken liegt Wasser, und kein Satz des Entwurfs steht darin. Der Sprung wirkt selbstverständlich, und genau deshalb hat ihn niemand ausgesprochen. Fast jedes Argument im Alltag lässt Prämissen weg, weil sie dem Sprecher selbstverständlich scheinen.

Die Rekonstruktion trägt solche stillen Prämissen trotzdem in den Plan ein. In Klammern, damit jeder sieht: Dieser Pfeiler stammt vom Rekonstrukteur, nicht vom Autor, und der Autor darf ihm widersprechen. Ergänzen ist kein Unterstellen, solange man es offen tut. Nur: Was genau darf man eintragen? Das ist die wichtigste Regel der Etappe, und ich sage sie zuerst genau, dann in Alltagsworten, dann am Fall. Genau: Ergänzt wird die schwächste Prämisse, die die Lücke schließt.

Der Satz, der so wenig wie möglich behauptet und gerade noch ausreicht, damit das Also trägt. In Alltagsworten: Leihen Sie dem Autor nur, was er wirklich braucht. Wer die Lücke mit einem Pfeiler füllt, der viel mehr trägt, als der Text verlangt, baut ein fremdes Bauwerk und hängt ihm das Namensschild des Autors um. Das ist unfair, und wer diesen Pfeiler später umwirft, hat nur das eigene Bauwerk getroffen. Und am Fall.

Was fehlt zwischen nicht zu rechtfertigen und ist zu senken? Man könnte eintragen: Altersgrenzen im Wahlrecht sind Willkür und gehören abgeschafft. Das schließt die Lücke, und ein Gegner würde es dem Entwurf gern unterschieben, denn daraus folgte auch das Wahlrecht für Zwölfjährige. Aber der Entwurf hat das Gegenteil gesagt. Erinnern Sie sich an das Zugeständnis: Ein Mindestalter sei seit jeher in Ordnung. Wer ihm den Willkür-Pfeiler unterschiebt, rekonstruiert nicht, er dichtet.

Der schwächste Satz, der die Lücke schließt, ist viel bescheidener. Prämisse fünf, in Klammern: Einen Ausschluss vom Wahlrecht, der sich nicht rechtfertigen lässt, hat der Gesetzgeber aufzuheben. Also: Das Wahlalter für die Bundestagswahl ist auf sechzehn Jahre zu senken. Mehr muss der Entwurf nicht glauben, damit sein Also trägt. Damit ist der Plan vollständig: fünf Pfeiler, einer davon in Klammern, ein Ufer.

Gezeichnet, nicht geprüft

Auf einem echten Bauplan gibt es unten rechts ein Feld mit drei Zeilen: gezeichnet, geprüft, freigegeben. Wer den Plan zeichnet, füllt die erste Zeile aus und keine andere. Mit der Standardform ist es genauso. Wer den Entwurf in Standardform bringt, stimmt ihm nicht zu. In eine Standardform darf Strittiges, Zweifelhaftes und offenkundig Falsches. Denn die Rekonstruktion protokolliert, worauf ein Text sich stützt. Ob die Stützen halten, ist eine andere Frage, und sie kommt in der nächsten Etappe dran.

Die vierte Prämisse, dass Sechzehnjährigen die Fähigkeit zur politischen Willensbildung nicht fehle, hielten im Bundestag viele für falsch. Und die dritte, dass allein diese Fähigkeit als Grund in Frage komme, bestreiten Juristen bis heute. Wer eine dieser Prämissen für falsch hält, schreibt sie trotzdem hin, genau so, wie der Entwurf sie meint. Erst wer sie im Plan stehen sieht, kann in Ruhe fragen, ob sie stimmt. Am einundzwanzigsten Mai zweitausendeinundzwanzig lehnte der Bundestag den Entwurf ab, mit den Stimmen von CDU/CSU, SPD und AfD.

Anderthalb Jahre später beschloss derselbe Bundestag das Wahlalter sechzehn für die Europawahl, diesmal mit den Stimmen von SPD, Grünen und FDP. Und im Juni zweitausendvierundzwanzig wählten in Deutschland zum ersten Mal bei einer bundesweiten Wahl Sechzehnjährige mit. Das Argument hatte sich in dieser Zeit nicht verändert. Verändert hatten sich die Mehrheiten. Ich lerne daraus, dass ein Argument und die Entscheidung darüber zwei verschiedene Dinge sind. Und dass man das erste sauber aufschreiben muss, wenn man über das zweite reden will.

Ihr Blatt

Jetzt zu Ihrem eigenen Plan. Ihr Blatt aus der dritten Etappe, die redlich abgeschwächte These und der Weil-Satz darunter, ist ein Bauplan mit einem einzigen Pfeiler und einem Ufer. In der Transferaufgabe zeichnen Sie ihn fertig. Der Weil-Satz wird vermutlich Ihre erste Prämisse. Und dann tragen Sie mindestens einen Pfeiler ein, den Sie beim Diskutieren bisher stillschweigend vorausgesetzt haben, in Klammern, in der schwächsten Fassung, die Ihre Lücke wirklich schließt.

Ich verspreche Ihnen: Dabei lernen Sie etwas über Ihre eigene These, das Sie noch nicht wussten. Vielleicht entdecken Sie, dass Ihre stille Prämisse harmlos ist und jeder sie unterschreibt. Vielleicht entdecken Sie, dass sie das Gewagteste an Ihrem ganzen Argument ist. Beides ist ein Gewinn, denn von jetzt an wissen Sie, wo Ihr Plan hängt. Fragen Sie sich zum Schluss, welchen Pfeiler ein Gast an Ihrem Tisch als Ersten anzweifeln würde: den ausgesprochenen oder den eingetragenen.

Das Raster

Wenn Sie einen Text vor sich haben und das Argument herauslösen wollen, gehen Sie so vor. Finden Sie erstens die Konklusion, mit der Warum-Probe: Gestützt wird der Satz, für den die anderen Antworten liefern, ganz gleich, wo er steht. Sammeln Sie zweitens die Prämissen: alles, was auf das Warum antwortet, als nummerierte, vollständige Aussagesätze. Sortieren Sie drittens Beiwerk und Zugeständnisse aus: Was weder stützt noch gestützt wird, bleibt draußen, und Wegweiser wie weil und daher helfen beim Suchen, entscheiden aber nichts.

Zeichnen Sie viertens den Bauplan: Prämissen oben, Strich, Also, Konklusion zuletzt. Und schließen Sie fünftens die Lücke wohlwollend: in Klammern die schwächste Prämisse, die das Also gerade eben trägt, und keine stärkere. Unterschreiben Sie nur in der Zeile gezeichnet. In der nächsten Etappe wird der fertige Plan zum ersten Mal belastet. Zwei Prüffragen gehören dazu, und man muss sie streng auseinanderhalten: Trägt der Übergang von den Prämissen zur Konklusion? Und stimmen die Prämissen überhaupt?

Ein Argument kann tadellos gebaut und trotzdem aus falschen Steinen gemauert sein, und das sind zwei verschiedene Dinge. Vorführen werden es ein zweitausend Jahre alter Satz über Sokrates und ein kleiner Fisch namens Nemo. Nehmen Sie Ihre eigene Standardform mit. Sie ist das erste Bauwerk auf dem Prüfstand.

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