Videotext · Video 13:17 Min. · 1841 Wörter
Behaupten und Begründen
Das ist der Text, den Sie im Erklärvideo hören, nach seinen Kapiteln gegliedert. Er ist für die Stimme geschrieben; Zahlen stehen deshalb so da, wie sie gesprochen werden.
Der Tisch und die Kommentarspalte
Am achtundzwanzigsten Mai zweitausendvierundzwanzig standen auf dem Pausenhof unserer Schule Tische, die dort sonst nicht stehen. Auf jedem Tisch lag ein Plakat mit einer These, und unter jeder These stand dieselbe Einladung: Change my Mind, ändere meine Meinung. Die Thesen hatten sich die Schüler der fünften Sekundarstufe selbst ausgesucht, und sie reichten von Sterbehilfe sollte legal sein bis Pepsi ist besser als Coca-Cola. Wer sich an einen Tisch setzte, griff die These an, und wer dahinter saß, verteidigte sie.
Ich habe dieses Projekt mit meinen Klassen veranstaltet, und ich kann Ihnen sagen, dass an diesen Tischen hart diskutiert wurde. Aber es wurde diskutiert. Die Gespräche blieben Gespräche, eine ganze Pause lang. Nun kennen Sie dieselben Thesen von einem anderen Ort. Sterbehilfe, Diversität in Disney-Filmen, die bessere Cola: Über all das wird jeden Tag im Internet gestritten, in den Kommentarspalten unter Videos und Nachrichten. Dort läuft es anders. Auf die These folgen drei Antworten, dann folgen Großbuchstaben, und nach einer Minute geht es um alles Mögliche, nur nicht mehr um die These.
Zwei Orte, dieselben Thesen, und zwei Gespräche, die einander so ähnlich sind wie ein Handschlag und eine Ohrfeige. Woran liegt das? Das ist die Frage dieser ersten Etappe. Ich glaube nicht, dass die Antwort beim guten Willen liegt, denn guten Willen haben die Leute in den Kommentarspalten oft auch. Die Antwort liegt in zwei Regeln. Wenn Sie die beiden am Ende dieser Etappe kennen, dann wissen Sie, warum der Tisch funktioniert, und Sie können ihn überall aufstellen, wo Sie ihn brauchen.
Zwei Ufer
Fangen wir mit dem an, was beide Orte gemeinsam haben. Wer ein Plakat beschriftet, auf dem steht, Pepsi ist besser als Coca-Cola, der stellt diesen Satz als wahr hin. Er sagt damit: So ist es. Das nennt man behaupten. Und wer darunter schreibt, das stimme überhaupt nicht, der tut dasselbe. Er stellt einen anderen Satz als wahr hin, nämlich den, dass Pepsi nicht besser ist. Auch das ist eine Behauptung, und das ist wichtiger, als es klingt; ich komme darauf zurück.
Behaupten kostet nichts. Man braucht dafür keinen Beleg, keine Erfahrung und keine Sekunde Nachdenken. In einer Kommentarspalte entstehen Behauptungen im Sekundentakt, und jede einzelne ist so mühelos wie die davor. Ich möchte Ihnen dafür ein Bild geben, das uns durch das ganze Jahr begleiten wird. Stellen Sie sich einen Fluss vor. Sie stehen an einem Ufer, und Ihre Behauptung ist das andere Ufer, der Ort, an dem Sie die anderen gern hätten.
Wer nur behauptet, ruft über das Wasser: Kommt rüber, hier ist es richtig. Und wer widerspricht, ruft von seinem Ufer zurück. Doch, ruft der eine. Nein, ruft der andere. Doch. Nein. Man kann das lange treiben, und die Kommentarspalten beweisen jeden Tag, dass man es tut. Aber niemand bewegt sich dabei einen Meter. Zwei Behauptungen sind noch keine Diskussion. Es fehlt das, was zwischen den Ufern liegt.
Das Weil
Das, was fehlt, hat einen Namen, und den kennen Sie: die Begründung. Eine Begründung ist ein weiterer Satz, der zeigen soll, warum die Behauptung wahr ist. Zwischen Behauptung und Begründung steht meistens ein kleines Wort, und dieses Wort ist das nützlichste der ganzen Etappe: weil. Pepsi ist besser als Coca-Cola, weil sie weniger süß schmeckt. Hören Sie, was sich verändert hat. Auf das bloße Plakat konnte man nur zurückrufen oder die Schultern heben.
Jetzt steht ein zweiter Satz da, und den kann man prüfen. Stimmt es überhaupt, dass Pepsi weniger süß schmeckt? Man kann es nachlesen, man kann es probieren. Und wenn es stimmt: Ist weniger süß denn wirklich besser? Vielleicht finden Sie diesen Grund schwach, und Sie hätten damit vermutlich recht. Aber sehen Sie, was möglich geworden ist. Sie können jetzt sagen, warum Sie ihn schwach finden. Einen Grund kann man wiegen, prüfen und angreifen.
Eine bloße Behauptung kann man nur wiederholen, allenfalls lauter. Ich schreibe die beiden Sätze auf eine Karte, oben die Behauptung, darunter das Weil und den Grund. Sie müssen sich diese Karte nicht einprägen, sie kommt von selbst wieder. In der vierten Etappe bekommt sie mehr Zeilen und heißt dann Standardform. Für heute genügt, dass eine Diskussion erst beginnt, wenn die zweite Zeile ausgefüllt ist.
Die Brücke
Zurück an den Fluss. Die Begründung ist die Brücke. Sie beginnt an meinem Ufer, bei dem, was wir beide schon für wahr halten, und sie führt hinüber zu meiner Behauptung. Wer eine Brücke baut, sagt nicht mehr: Kommt rüber. Er sagt: Hier, so kommt man rüber. Und jetzt kann der andere etwas tun, was er vorher nicht konnte. Er kann losgehen und die Brücke prüfen. Geprüft wird an zwei Stellen, und beide kennen Sie schon von der Cola.
Erstens: Steht der Pfeiler? Stimmt der Grund, schmeckt Pepsi wirklich weniger süß? Zweitens: Trägt die Spannweite? Kommt man von diesem Grund wirklich bis zur Behauptung, ist weniger süß dasselbe wie besser? Ein Pfeiler kann wackeln, und eine Spannweite kann zu kurz sein. Beides sind Einwände, und beide bringen die Diskussion voran, weil sie an etwas ansetzen, das dasteht. Ich vereinfache hier, und ich sage es dazu. Wie man Pfeiler und Spannweite genau prüft, ist der Stoff der Etappen vier, fünf und sechs.
Heute geht es nur darum, dass es eine Brücke gibt. Aber behalten Sie das Bild im Kopf. Ein Streit ohne Brücke ist Rufen über Wasser. Ein Streit mit Brücke ist eine Baustelle, und an einer Baustelle kann man arbeiten.
Regel eins: die Begründungspflicht
Damit sind wir bei der ersten Regel, und ich lese sie Ihnen aus den Spielregeln des Pausenhofs ab. Dort steht: Wer sich setzt, greift an. Wer dahinter sitzt, verteidigt. Zwei Sätze, und in beiden steckt etwas Grundsätzliches. Der erste Satz ist ein Recht, das Grundrecht der Diskussion. Jeder darf sich setzen. Jeder darf jede These anzweifeln, auch die des Lehrers, auch die, die alle für richtig halten, auch die, die ein berühmter Mensch aufgestellt hat.
Dass jemand wichtig ist, macht seine Sätze nicht unantastbar, und dass alle etwas glauben, auch nicht. Und wer sich setzt und fragt, wie kommst du darauf, der schuldet dafür selbst noch nichts. Fragen ist kostenlos, so wie Behaupten. Der zweite Satz ist eine Pflicht, und das ist die erste Regel. Wer eine Behauptung aufstellt, muss bereit sein, sie zu begründen, sobald jemand ernsthaft daran zweifelt. Der Philosoph Jonas Pfister, dessen Buch hinter dieser Reihe steht, sagt: bei Bedarf.
Wann genau Bedarf besteht, lässt sich nicht für alle Fälle im Voraus sagen, und ich will die Regel nicht schärfer machen, als sie ist. Aber ein Fall ist eindeutig. Wenn jemand ernsthaft zweifelt, ist die Begründung fällig, nicht irgendwann und nicht vielleicht. Die Brücke gehört zur Behauptung wie der Rückweg zum Spaziergang. Das Plakat auf dem Pausenhof macht diese Pflicht sichtbar. Change my Mind heißt ja: Ich habe eine Brücke gebaut, kommt und prüft sie.
In der Kommentarspalte wird die Pflicht dagegen gern abgeschoben. Informier dich halt. Das weiß doch jeder. Das sind keine Begründungen, das sind Schuldscheine, die nie eingelöst werden. Und vergessen Sie nicht, was ich am Anfang gesagt habe. Wer widerspricht, behauptet selbst etwas. Auch er schuldet eine Brücke, sobald man ihn ernsthaft fragt.
Regel zwei: die Relevanz
Die zweite Regel steht auch auf dem Plakat: Es zählen nur Argumente. Sie betrifft nicht nur den, der behauptet, sondern alle, die mitreden. Jeder Beitrag muss zur Sache gehören, zu dem, worum gerade gestritten wird. Die Fachleute sagen: Er muss relevant sein. Am Tisch mit der Sterbehilfe-These sagt ein Gast: Ein Arzt soll heilen, nicht töten. Dieser Satz führt zur These hin. Er ist der Pfeiler einer Brücke ans andere Ufer, und die Verteidigerin muss sich mit ihm befassen.
Ein anderer Gast sagt: Du bist doch erst sechzehn. Das mag stimmen. Aber sehen Sie, wohin diese Brücke führt: nicht zur These, sondern zu der Person, die sie vertritt. Über Sterbehilfe sagt der Satz nichts. Er sieht aus wie ein Einwand und ist ein Themenwechsel, mitten im Satz. Ein Missverständnis möchte ich gleich ausräumen. Relevanz heißt nicht Freundlichkeit. Der Satz vom Arzt ist hart, und er ist trotzdem willkommen, denn je genauer ein Einwand trifft, desto nützlicher ist er.
Nur treffen muss er die Sache. Wer die Person angreift, hat die These schon verlassen, und zwar auch dann, wenn er dabei ganz höflich bleibt. Für solche Ausweichmanöver gibt es übrigens Namen. Sie lernen sie in der achten Etappe, und Sie werden dort viele alte Bekannte treffen.
Nachschlagen oder diskutieren
Vielleicht fragen Sie sich inzwischen, wozu der Aufwand. Bei den meisten Fragen des Alltags reicht doch ein Blick ins Netz. Wie hoch liegt La Paz? Rund dreitausendsechshundert Meter, je nach Viertel, und damit ist die Frage erledigt. Über solche Fragen muss niemand diskutieren, und wer es tut, verschwendet eine Pause. Aber jetzt: Sollte Sterbehilfe legal sein? Das steht in keinem Nachschlagewerk. Nicht, weil noch niemand nachgesehen hätte, sondern weil es auf solche Fragen keine fertige Antwort gibt, die irgendwo hinterlegt wäre.
Es sind strittige Fragen, und die großen Fragen der Philosophie gehören dazu. Was ist gerecht? Gibt es einen freien Willen? Was schulden wir einander? Bei diesen Fragen ist die Diskussion kein Umweg zur Antwort. Sie ist der einzige Weg. Jemand schlägt eine Antwort vor und baut eine Brücke dorthin, andere gehen die Brücke ab und finden den wackligen Pfeiler, und jemand baut eine bessere. So kommt man voran, und anders nicht.
Die zwei Regeln sind nichts weiter als die Bedienungsanleitung dieses Werkzeugs.
Umgestimmt werden
Eine Zeile aus den Spielregeln habe ich bis jetzt aufgehoben, weil sie die wichtigste ist. Umgestimmt zu werden ist keine Niederlage, sondern der Sinn der Sache. In der Kommentarspalte gilt das Gegenteil. Dort ist das eigene Ufer eine Festung, und wer es verlässt, hat verloren. Deshalb wird dort so viel gerufen und so wenig gebaut. Am Tisch ist es umgekehrt. Wer über eine fremde Brücke geht und am anderen Ufer ankommt, hat etwas gewonnen, das er vorher nicht hatte: eine Überzeugung, die geprüft ist, Pfeiler für Pfeiler.
Und wer seine eigene Brücke prüfen ließ und sie hat gehalten, hat dasselbe gewonnen. Beide gehen mit mehr nach Hause, als sie mitgebracht haben. Ich gebe zu, dass sich das leichter sagt, als es sich anfühlt, wenn man gerade an seinem Ufer steht. Jeder, der schon einmal mitten im Streit gemerkt hat, dass der andere recht hat, kennt das Gefühl. Aber genau dafür stehen die Tische da. Man übt daran, sich bewegen zu lassen, und man übt es dort, wo es nicht wehtut, damit man es kann, wenn es zählt.
Das Raster
Ich fasse zusammen. Eine Behauptung stellt einen Satz als wahr hin, und das kostet nichts. Eine Begründung ist die Brücke zu dieser Behauptung, und erst mit ihr beginnt eine Diskussion, weil man erst dann etwas prüfen kann. Regel eins: Wer behauptet, schuldet eine Begründung, sobald jemand ernsthaft zweifelt, und das gilt für den, der widerspricht, genauso wie für den, der anfängt. Regel zwei: Jeder Beitrag muss die Sache treffen, und hart darf er dabei sein.
Das ist der ganze Unterschied zwischen dem Tisch und der Kommentarspalte. In der nächsten Etappe schauen wir genauer hin, was man da eigentlich als wahr hinstellt. Ich werde Sie bitten, den Satz Schließen Sie bitte das Fenster auf seine Wahrheit zu prüfen, und Sie werden merken, dass die Frage schief klingt. Warum sie schief klingt, das ist die zweite Etappe.
hoerstrup.com · Argumentieren · Etappe 01 »Behaupten und Begründen«